Musik / Backstage

"Manchmal muss man die Metal-Brille kurz abnehmen"

veröffentlichen das neue Album "Evolution" (VÖ: 19.10.)

Noch immer kann David Draiman nicht fassen, dass er und seine Jungs nun zur "alten Garde" gehören. Aber was auch sonst? Nach beinahe 25 Jahren, 15 Millionen verkauften Platten und fünf Nummer-Eins-Alben in Folge haben Disturbed ihren Platz im Metal- und Hard-Rock-Schrein wahrlich verdient. Das bezeugen nicht zuletzt zwei Grammy-Nominierungen und Auszeichnungen wie der Metal Hammer Award, den Draiman in diesem Jahr gemeinsam mit Judas Priest in der Kategorie Maximum Metal verliehen bekam. Trotz allen Ruhms: Tiefenentspannt gibt sich der Frontmann beim Gespräch in Berlin dennoch. Im Interview verrät der 45-Jährige, warum "Evolution" (VÖ: 19.10.) zum "Black Album" der Band werden könnte, warum Disturbed nach dem Erfolg des Covers "Sound Of Silence" nun vor allem auf Akustik-Balladen setzen und wie er mit dem politischen Wahnsinn auf dieser Welt umgeht.

teleschau: Gewöhnen Sie sich langsam daran, in der Metal- und Hard-Rock-Szene ein altgedienter Star zu sein?

David Draiman: Nein. Es wirkt noch immer sehr surreal. Ich fühle mich immer noch wie das neue Kind auf der Party (lacht). Ich finde es sehr eigenartig, einer der Veteranen der Szene zu sein. Und es ist noch immer komisch, einige meiner alten Helden als Kollegen und Freunde zu bezeichnen. Ich empfinde es als wunderbaren Traum!

teleschau: Wann realisierten Sie, dass Disturbed an Ihre alten Vorbilder heranreichen?

Draiman: Ich werde täglich überrascht. Es hat ja noch nicht aufgehört, jeden Tag bin ich davon geschockt (lacht). Einen spezifischen Zeitpunkt gab es gar nicht.

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teleschau: Ihr neues Album "Evolution" haben Sie kürzlich als Ihr "Black Album" bezeichnet. Besser kann es also nicht werden?

Draiman: Jeder spricht mich auf dieses Zitat an (lacht)! Aber lassen Sie es mich so erklären: Wir glauben, dass diese Platte das größte Potenzial besitzt, sehr viele Menschen zu erreichen. Jede Rock- und Metalband spricht laufend davon, ihr "Black Album" erschaffen zu wollen. Ich sage nicht, dass unsere neue Platte so großartig ist wie Metallicas. Wer kommt schon an die allmächtigen Metallica heran? Sie sind Legenden, sogar mehr als das. Aber: Man kann darauf hoffen, dass eines deiner Werke dir irgendwann ebenfalls Türen und Tore öffnet. Und wir glauben, "Evolution" hat die besten Chancen, dies zu tun.

teleschau: Was macht das Album denn so besonders?

Draiman: Die Platte ist sehr breit angelegt. Vor allem hinsichtlich dessen, was wir - mangels eines besseren Ausdrucks - Balladen nennen. Fünf davon sind auf dem Album zu finden. Lassen Sie mich noch mal auf Metallica zurückkommen: Die erreichten mit "Nothing Else Matters" plötzlich Fans, die sie zuvor nicht erreichten. Und ich glaube, wir haben auf "Evolution" ebenfalls solche Song-Kandidaten.

teleschau: Mit dem Cover von "The Sound Of Silence" schufen Disturbed Ihren bislang größten Hit. Lag es deshalb nahe, sich vermehrt Balladen zu widmen?

Draiman: Wir wollten schon sehr lange ein Balladen-Album machen. Wir redeten sehr viel darüber. Nach "Sound Of Silence" wurde es dann klar: Dass wir Erfolg hatten mit so einem Song, der derart von dem abwich, was wir sonst machten, gab uns Selbstvertrauen. Anstatt die Akustik-Stücke wie sonst in den Hintergrund zu rücken, gaben wir ihnen die Priorität.

teleschau: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Draiman: Wir begannen mit den akustischen Songs. Nach fünf dieser Stücke ereilte uns dann der "Strom-Schlag" (lacht). Wir mussten den Stecket wieder reinstecken! Im Laufe dieses Prozesses, ergab diese Kombination plötzlich Sinn. Die verschiedenen Lieder begannen, miteinander in der selben Welt zu leben. Sie fühlten sich zu Hause.

teleschau: Wie fühlten Sie sich als Band anfangs in diese doch recht neue Welt ein?

Draiman: Viel davon beruhte auf unseren Classic-Rock-Einflüssen. Backstage auf Tour haben wir uns sonst immer mit richtig hartem Metal auf die Shows eingestimmt. Das war bei unserem letzten Album "Immortalized" anders. Da hörten wir nur das ganze große Classic-Rock-Zeug. Von den Eagles über Fleetwood Mac bis Led Zeppelin. Daraufhin entwickelte sich bei uns eine Sehnsucht nach diesem alten Vibe. Nach jenen mehrdimensionalen Platten, die uns erst auf die ganze Reise geschickt hatten.

teleschau: Gab es denn Sorgen, dass die Balladen manchen Fans nicht gefallen könnten?

Draiman: Nein, dahingehend sorgen wir uns nicht. Es sind grandiose Songs. Aber wenn so mancher nur die harten Stücke hören will, ist das seine Entscheidung. Aber manchmal muss man die Metal-Brille kurz abnehmen, um neuem Material eine Chance zu geben. Es ist dann schwer, einen tollen Song nicht zu erkennen.

teleschau: Bei der Arbeit am Album wollten Sie online von den Fans wissen, ob eine Ballade oder ein hartes Stück die Platte einleiten soll. Ist das ein neuer Weg, das Publikum einzubeziehen?

Draiman: Ja, es gab ihnen die Chance, kurz im Fahrersitz Platz zu nehmen. Das war eine brillante Idee. Anders als beim Vorgänger "Immortalized", der völlig im Geheimen geschaffen wurde, wollten wir uns diesmal komplett öffnen. Den kreativen Prozess zeigen, während er passierte. Die Fans wussten, dass wir an akustischem und heavy Zeug arbeiten - also warum sie nicht einbeziehen? Es war eine schöne Art, unsere Beziehung zu den Hörern auszudrücken. Außerdem hatten wir da so ein Gefühl, dass sie sich ohnehin für das Harte entscheiden würden (lacht). Unsere Basis ist hart.

teleschau: In Ihrem Song "In Another Time" schimpfen Sie hingegen ziemlich über den Online-Alltag. Ist das mehr Nostalgie oder Kritik?

Draiman: Beides. Ich vermisse die gute alte Zeit (lacht). Heute laufen wir wie Zombies herum. Wir kleben an unseren Smartphones und sprechen nicht miteinander. Schaut in die Schulen: Die Kids reden nicht, sie texten nur und snapchatten oder was auch immer. Das kann einen verrückt machen. Es gab eine Zeit, in der wir das Leben tatsächlich gelebt haben, anstatt es nur auf Bildschirmen anzuschauen.

teleschau: Beeinflusst der Online-Hype auch den Metal - so wie es in anderen Musikrichtungen geschieht?

Draiman: Wir sind keine Trendsetter, keine Influencer, wir bestimmen keinen Geschmack. Zumindest nicht in dem Maße wie in der Pop- und HipHop-Welt. Es ist aber wichtig, mit den Fans im Internet und auf Social Media verbunden zu bleiben. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Zumal man ja online auch viele jüngere Hörer erreichen kann. Ich hoffe, das gelingt uns mit dem neuen Album.

teleschau: Würden Sie sagen, es ist ebenso wichtig heute politischer Musik zu machen? Ist "Evolution" ein politisches Album?

Draiman: Es geht um Tod, Verlust und Rebellion. Ein bisschen was von allem. Doch am Ende kann ich nichts fertigstellen, dass letztlich nicht zumindest ein wenig politischen Anstrich besitzt. Das Politische ist eine Leidenschaft von mir, es ist hart, mich davon komplett zu trennen.

teleschau: Muss man da dieser Tage aufpassen?

Draiman: Wenn ich Texte schreibe, passiert das nur selten. Aber abseits von der Musik versuche ich schon, nicht in Fettnäpfchen zu gelangen. Die politische Situation auf dieser Welt hat meine Art zu schreiben sehr verändert. Die Art, etwas über das Chaos und die Verrücktheiten zu sagen.

teleschau: Haben diese politischen Verrücktheiten zugenommen?

Draiman: Ich glaube, wir haben ganz neue Levels erreicht. Wir besitzen heute auch neue Werkzeuge, die Verhältnisse aufrechtzuerhalten. Klar, wird uns das durch den technischen Fortschritt auch mehr bewusst. Zugleich dient diese Technik und auch Social Media dazu, das Bestehende zu festigen. Es ist dialektisch.

teleschau: Wovor haben Sie am meisten Angst in dieser weltpolitischen Situation?

Draiman: Meine Familie zu verlieren. Wenn man seine Augen offen gehalten hat in den vergangenen Jahren, muss diese Angst ja immer größer werden. Wie soll nicht immer paranoider, abwehrender und beschützender werden, wenn man so viel Scheiße um sich herum sieht?

teleschau: Ist das zumindest in künstlerischer Hinsicht eine Chance? Rockmusik erlebte schließlich immer dann Renaissancen, wenn die politische Lage unruhig war ...

Draiman: Das kann man nur hoffen. Wenn Leute wütend werden, brauchen sie Songs, durch die sie ihren Ärger und ihre Wut in Kontext setzen können. Damit umgehen lernen können. Dafür ist Rock wirklich hilfreich.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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