Musik / CD

Bell, Book & Candle: Wie wir sindReißbrett-Schlager aus der Midlife-Crisis

Ende der 90er-Jahre waren Bell, Bock & Candle eine kleine Pop-Hoffnung. Stilistisch bewegten sie sich irgendwo zwischen dem hymnischen Synth-Pop von Depeche Mode, den eingängigen Grunge-Erweiterungen der Cranberries und den zugänglichen Momenten der Smiths. So ergatterten Jana Groß, Hendrick Röder und Andy Birr 1998 mit ihrem keltisch anmutenden Pop-Rock-Smasher "Rescue Me" Radio-Airplay, MTV- und Viva-Rotation und letztlich, dank englischer Texte, europaweite Platin-Auszeichnungen. Was danach folgte, war ein kleines, aber für die protzige Musikindustrie der 90-er programmatisches Drama. Das Berliner Trio, schon auf ihrer Debüt-LP "Read My Sign" klar auf Mainstream-Publikum ausgerichtet, konnte auf späteren Alben nie wieder an ihren Debüt-Hit anknüpfen. Nun zog man die kreative Notbremse. Nach zwei Dekaden ohne weitere Chartplatzierung kommen die End-40er um Andy Birr, Sohn des Puhdys-Sängers Dieter Birr, mit ihrem Album "Wie wir sind" auf die Idee, deutsch zu singen.

Der Grund für den Sprachwechsel: Die Leute wollen sich direkt angesprochen fühlen, erklärt Sängerin Jana Groß in einem Interview. Bell, Book & Candle wollen also Herzen erreichen. Oder doch die Hitparaden? Aus wahlweise dem einen oder dem anderen Grund schleifte man den Radio-Pleaser "Wie wir sind" schon vor rund einem Jahr durch die Fernsehgärten und Morgenmagazine der Nation. Warum das dazugehörige Album erst jetzt erscheint, ist künstlerisch wenig nachvollziehbar, finanziell allerdings schon, denn zunächst hat den zeitgemäßen Imagewandel ja kaum jemand mitbekommen. Leider wirkt die grundsätzlich gute Idee, künftig in der Muttersprache aufzutreten, während Helene Fischer sich dieses Jahr wahrscheinlich den 17. Echo in die Vitrine stellen wird, genauso abgeschmackt, wie "Wie wir sind" klingt.

Der Titelsong ist exemplarisch für das, was Bell, Book & Candle 2018 repräsentieren: glatt-polierter House-Pop mit Postkartenspruch-Texten, deren Halbwertszeit in etwa dem eines Pralinen-Werbespots entspricht. "Manche Menschen sind wie Lieder / Du bist ein Liebeslied", lautet der einfallslose Refrain der zweiten Auskopplung "Liebeslied". "Jeder braucht Liebe, also woher kommt der Hass? / Wessen Pläne sind von Vorteil und wem nützt das?", textet man in der politisch gemeintem Country-Pop-Nummer "Woran Glauben Wir" auf astreinem Pennäler-Niveau.

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Auch wenn man Jana Groß einen gewissen Charme und den Musikern ihr vorbildliches Handwerk nicht absprechen kann: Am Ende ist "Wie wir sind" skrupellose Reißbrett-Musik aus den Brainstorming-Büros der Musikindustrie. Pseudo-jugendlicher EDM-Schlager der Marke Glasperlenspiel reiht sich in der 13 Lieder umfassenden Trackliste ungeniert neben Zahnlos-Rock à la Christina Stürmer, und dann kommt noch inhaltsleerer Kelten-Pop dazu, der selbst für die Corrs zu vorhersehbar wäre.

Wenn für den Albumabschluss dann auch noch Rio Reisers ikonisches "Junimond" zu einer klischeebeladenen Feuerzeug-Hymne verunstaltet wird, kann man leider nur noch dankbar einstimmen: "Es ist vorbei - bye, bye".

Fionn Birr

Audio CD
Bewertungenttäuschend
CD-TitelWie wir sind
Bandname/InterpretBell, Book & Candle
Erhältlich ab16.03.2018
LabelAirforce1
VertriebUniversal Music
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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