Kann es wirklich wahr sein, was Forscher der Universität von South Carolina da in einer Studie andeuten? Dass Twittern schlank macht? Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kamen die Wissenschaftler, die untersuchten, inwiefern moderne Kommunikationsmittel das Diätverhalten übergewichtiger Probanden begünstigen können: Testpersonen, die mehr twitterten als andere, nahmen auch mehr ab, lautet das Resümee - mit zehn Tweets sei ein Gewichtsverlust von jeweils durchschnittlich 0,5 Prozent einhergegangen. Geht diese Rechnung wirklich auf?
"Bedingt", lautet die ernüchternde Antwort, die sich schon aus der Studienzusammenfassung der Universität von South Carolina herauslesen lässt: Zunächst einmal nahmen nur 96 übergewichtige Personen an dem Experiment teil, eine vergleichsweise geringe Gruppe. Alle Probanden erhielten sechs Monate lang regelmäßig Podcasts mit Ernährungs- und Fitnesstipps, die Hälfte von ihnen durfte zudem eine Protokollierungsapp und Twitter nutzen. Nach Ablauf des halben Jahres registrierten die Studienleiter eine Gesamtgewichtsabnahme von 2,7 Prozent - und zwar in beiden Gruppen. Ob man nun der twitternden oder nicht twitternden Abnehm-Gruppe angehörte, spielte demnach eine untergeordnete Rolle.
Wie aber kam dann die 0,5-Prozent-aller-zehn-Tweets-Formel zustande? Der britische National Health Service (NHS) bohrte nach, nachdem die "Daily Mail" die Twitter-These in einem reißerischen Artikel verbreitete: Innerhalb der 48 Mann starken Twitterer-Gruppe verglichen die Forscher den Diäterfolg derer, die sich oft über den Kampf gegen die Kilos ausließen, mit den Fortschritten der schreibfauleren Mitstreitern. Die wissenschaftliche Aussagekraft der Studienergebnisse hält die britische Gesundsheitsorganisation deshalb für fragwürdig. Dennoch vertritt auch der NHS die Ansicht, dass Soziale Medien Abnehmwilligen durchaus von Nutzen sein könnten. "Es gibt genügend Beweise, dass ein unterstützendes Umfeld Menschen dabei helfen kann, nachhaltig Gewicht zu verlieren. Ob sich ein soziales Netzwerk als eine Art virtueller Diätclub eignet, sollte definitiv untersucht werden".
An nichtwissenschaftlichen Feldversuchen mangelt es jedenfalls nicht. So teilte etwa "Daily Mail"-Autorin Lucy Cavendish schon vor drei Jahren ihre Erfahrungen mit dem Portal "TweetWhatYouEat", dem nach eigenem Bekunden "einfachsten Ernährungstagebuch, dass Sie je führen werden". Die User protokollieren ihre Mahlzeiten, das Portal errechnet die zugehörige Kalorienzahl - ersichtlich für alle. Ein optimales Werkzeug, um sich sein Essverhalten vor Augen zu führen, befand die diäterprobte Testerin. Sofern man eben nicht wie sie anfängt, sich aus Zeitmangel nach drei Tagen selbst zu betrügen. "Außerdem denke ich noch mehr über Essen nach, als ich es sonst schon tue, wenn ich verfolge, was andere so zu sich nehmen", klagte die Journalistin.
Brian Stelter hingegen empfand es als heilsam, sich öffentlich über sein Essen Gedanken zu machen. Im März 2010 begann der New Yorker damit, unter twitter.com/brianstelter25 der Welt mitzuteilen, was er aß - und was er nicht aß: Dass er nur einen von den Cookies kaufte, die er sonst immer im Dreierpack orderte, dass er sich nach vier Jahren Abstinenz wieder ins Fitnessstudio schleppte, waren ganz persönliche kleine Gipfelstürmungen, die von seinen Followern honoriert wurden. Mit ihrem Feedback halfen sie ihm, am Ball zu bleiben. Über 40 Kilogramm verlor Stelter in dem Jahr. Zehn landeten im folgenden Jahr wieder auf seinen Hüften. Aktueller Stand: unbekannt.
Ganz so weit wie Twitter-User Drew Magary, dessen Konzept ihn inspirierte, wollte Stelter allerdings nicht gehen: Magary publizierte während seiner Diät jeden Tag sein aktuelles Gewicht: "The Public Humiliation Diet" nannte er das, "Die öffentliche Erniedrigungsdiät": "Das gab mir einerseits einen Ansporn, mein Ziel im Blick zu behalten, andererseits verschaffte es mir viele Unterstützer", erklärte der Schriftsteller einst auf deadspin.com, "Unterstützung hilft. Vielleicht werden dich auch einige Leute ärgern, aber das ist noch mal ein zusätzlicher Ansporn." Mittlerweile postet Magary sein Gewicht nur noch einmal pro Woche - um es zu halten.
Inwiefern Unterstützung von Followern praktischer sein könnte als etwa eine Gruppensitzung von Weight Watchers, beschreibt Rebecca Regnier (twitter.com/TweetingDieters) in ihrem Leitfaden "Your Twitter Diet": "Diese Treffen helfen natürlich, aber sie sind nun mal nicht um zwei Uhr nachts, wenn dich der Kühlschrank ruft, oder dann, wenn du zum Snackautomaten gehen willst." In diesen Fällen spränge die Twitter-Community ein, die, alarmiert durch den Hashtag #twitterdiet, Hilfesuchenden zu jeder Zeit mit Rat und Motivation zur Seite stünde. Viele User machen von diesem virtuellen Kilo-Notruf derzeit allerdings noch nicht Gebrauch. Aber vielleicht verhilft ja jene ominöse Studie aus South Carolina der Twitterdiät zu so viel Aufmerksamkeit, dass sich in ein paar Jahren Studien zu ihrer Wirksamkeit durchführen lassen.
Annekatrin Liebisch






