Web / Reportage

Allein gegen Alle

Kontroverse Denkerinnen und Denker

Wer sich nicht der Mehrheitsmeinung anschließt, wird schnell zur Zielscheibe. Gerade für Personen des öffentlichen Lebens kann eine kontroverse Geisteshaltung zur Zerreißprobe werden: Bleibt man bei seinen Theorien und Ansichten oder beugt man sich dem Druck der Masse? Die 1975 verstorbene Philosophin Hannah Arendt beugte sich nicht. Ab 10. Januar zeigt das schlicht "Hannah Arendt" betitelte Biopic der Regisseurin Margarethe von Trotta, warum die Deutschjüdin in Ungnade fiel. Bis heute sorgen Arendts Gedanken zum Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann für Diskussionsstoff. Doch sie ist längst nicht die Einzige, die sich regelmäßig Feinde machte.

"Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen" - dieses Buch löste 1963 das aus, was man heute einen Shitstorm nennen würde. Hannah Arendt hatte es tatsächlich gewagt, einem der Hauptverantwortlichen des Holocaust die Fähigkeit zu denken abzusprechen. Eichmann habe für sein Handeln nur ein Motiv gehabt, erklärt sie im Vorwort zu ihrem Text: sein berufliches Weiterkommen. Dafür habe er getan, was notwendig war, ansonsten sei er ein Hanswurst ohne jegliche dämonische Attribute gewesen.

Angesichts der Tatsache, dass sie selbst Jüdin war, werteten ihre Kritiker diese Aussage erst recht als skandalös. Inzwischen ist "die Banalität des Bösen" ein geflügeltes Wort, und Hannah Arendt gilt als mutige Frau: Seit 1995 wird in ihrem Namen alljährlich der "Preis für politisches Denken" an Menschen verliehen, die sich trauen, die Gegebenheiten aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. 2012 wurde die Historkerin Yfaat Weiss geehrt, wie die Website www.hannah-arendt.de verrät. Außerdem finden sich dort eine übersichtliche Biografie Arendts sowie eine Liste der Schriften dieser unkonventionellen Frau.

Auch die femministische Vordenkerin Hedwig Dohm, die 1919 verstarb, hat visionäres Gedankengut in die Gesellschaft getragen. Kurios: Die uneheliche Tochter eines Tabakfabrikanten und einer Hausfrau genoss nur eine rudimentäre Schulbildung und musste bereits früh Aufgaben in der Familie übernehmen, wie die Website www.hedwigdohm.de verrät. Doch die kluge junge Frau wollte mehr: Sie besuchte ein Lehrerinnenseminar, eignete sich viel Wissen autodidaktisch an und schrieb schließlich Bücher, Theaterstücke und zahlreiche Zeitungsartikel, die in Auszügen auf der Site nachzulesen sind. Macht allein diese Tatsache die 1831 Geborene in ihrer Zeit schon zum Phänomen, dürfen ihre Ansichten zu den Rechten der Frau als geradezu revolutionär gewertet werden: Dohm forderte lautstark mehr Bildung für ihre Geschlechtsgenossinnen und die Anerkennung berufstätiger Frauen. "Mehr Stolz, ihr Frauen! Wie ist es nur möglich, dass ihr euch nicht aufbäumt gegen die Verachtung, die euch noch immer trifft. - Auch heute noch? Ja, auch heute noch", wetterte sie 1901 in "Die Antifeministen".

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Viele von Dohms Themen sind heutzutage immer noch aktuell. Und auch heute gibt es eine Frau, die ihrem Ärger über Missstände regelmäßig vernehmlich Luft macht. Alice Schwarzer ist immer dann zur Stelle, wenn es darum geht, an das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu erinnern. In ihrer Zeitschrift "Emma" und in ihrem Blog (www.aliceschwarzer.de) greift die streitbare Feministin aktuelle Debatten auf - derzeit tritt sie verstärkt gegen Prostitution ein - und scheut sich nicht, ihren zahlreichen Kritikern und Angreifern mit Witz und Sachverstand die Stirn zu bieten. Verbissen und frustriert sei sie, so die Gegner, und zudem fern der Realität. Würden die Kritiker auf ihrer Website nachlesen, nach welchen Prinzipien Schwarzer handelt, wäre das Geschrei vermutlich weniger groß: Chancengleichheit für Frauen und Männer sowie die Maxime, dass "Frauen nicht von Natur aus das bessere Geschlecht" sind, dienen unter anderem als Basis für die Argumentation der Journalistin.

Eines muss man den Stänkerern allerdings zugute halten: Bei ihren Angriffen machen sie in der Regel keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Auch männliche Vordenker sahen sich im Laufe der Geschichte immensen Widerständen ausgesetzt. Karl Marx' Theorien zum Kommunismus sorgten nicht nur zu seinen Lebzeiten (1818-1883) für Zündstoff, sondern beschäftigen auch während der Studentenrevolten in den 60er-Jahren ganze Arbeitskreise. Im Internet werden seine Gedanken im "Marx Forum" (marx-forum.de) immer noch rege diskutiert und analysiert. Beispielsweise trat User Robert Schlosser unter Zuhilfenahme von Zitaten aus Marx' Hauptwerk "Das Kapital" eine Debatte über die Zusammenhänge von Aktienkapital und Finanzmärkten beziehungsweise Finanzkapital los. Wirklich verständlich ist die Diskussion allerdings nur für Eingeweihte.

Vielleicht hätte Jean-Paul Sartre, Begründer des Existentialismus, dem digitalen Gespräch noch einige interessante Aspekte hinzufügen können? Ab den 1960er-Jahren fühlte sich der Denker, der den Menschen als zur Freiheit gezwungen und damit zum eigenverantwortlichen Handeln verpflichtet sah, immer mehr zu den marxistischen Lehren hingezogen - und stieß damit nicht wenige vor den Kopf. Zahlreiche Artikel von und über Sartre (1905-1980) finden sich auf www.sartre.ch: Neben Interviews, die in lockerer Atmosphäre an seinem Urlaubsort Capri stattfanden, listet die Website auch Gespräche über Maoisten oder Sartres Einstellung zum Terrorismus. Sein Argument, dass terroristische Maßnahmen als Mittel der Gegenwehr durchaus legitim seien, ist nach wie vor umstritten.

Christina Freko

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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