Giulias Verschwinden
Geschichten vom Älterwerden

Alles haben sie was Böses beizutragen, wenn es um die
Erfahrung des Alterns geht. Egal, ob das nun das sich stets
zankende schwule Odd Couple ist, das Stefan Kurt und André
Jung sich ineinander verkeilend spielen, oder das auch nicht mehr
ganz junge Ehepaar, bei dem der Sexversuch in den Krampf des
Unterschenkels übergeht. Auch der ewig Sportliche darf da
nicht fehlen, dabei täte ihm vor allem
Gedächtnistraining gut - ist er doch einer von jener Sorte,
der, wenn er ins andere Zimmer geht, bereits vergessen hat, was
er da wollte.
Sie alle soll Giulias 50. beim Zürcher Edelitaliener
zusammenführen. Und weil Giulia dann sehr, sehr lange auf
sich warten lässt, bleibt für Witze und Bonmots viel
Raum. Eine huis-clos-Situation. Man schlägt sich die Zeit um
die Ohren beim Champagner-Apéro, und die Wörter erst
recht. Manches kennt man vielleicht schon, manches ist neu. Etwa
die Erinnerung, dass man wieder mal ins Museum müsste, wenn
man sich morgens im Spiegel sieht. Oder, dass das
Langzeitgedächtnis des Tischnachbarn verdammt gut sein muss,
wo er sich doch so genau an seinen 50. erinnern kann. Dass einer
als Weightwatcher angeblich fast gar nichts zugenommen hat, sich
aber das Fett an die falschen Stellen verlagert hat.
Während die Fifty-something-Gesellschaft in Erwartung der
schönen Giulia recht unterhaltsam um sich selber kreist (und
die Kamera, die meist einfach auf Großaufnahmen setzt
obendrein), wird diese selbst von einem recht klebrigen
älteren Herrn umworben, dessen Komplimenten sie nicht
entgeht. Bruno Ganz krault sich in dieser Rolle förmlich in
sein Gegenüber hinein, zieht alle Register, die so ein Mime
zu bieten hat. Auf jede Frage zu Tod und Alter weiß er was -
und nimmt Giulia damit die Angst. Pfeif auf die Geburtstagsrunde,
sagt die, und lässt der wunderbar schrillen Sunnyi Melles
den Vortritt als unerwarteter Gast.
Hätte eigentlich alles schon gereicht, doch der im Fugenstil
episodenhaft zusammengesetzte Film nimmt auch noch einen Umweg
ins Altenheim, wo eine gewiss sensationelle alte Dame (Christine
Schorn) in einer eigenen Geburtstagsrunde die Fetzen fliegen
lässt - und die Tortenstücke obendrein.
Spätestens jetzt verliert der Film trotz dienlicher Musik
(Balz Bachmann) sein Timing, den schönen Reiz des
Kammerspiels. Sich mit Witz und Humor des Alters zu erwehren, das
müsste nicht immer und unaufhörlich komisch sein (und
es gibt ja hier auch Tränen), aber leicht sollte es bleiben.
Eben diese Leichtigkeit gewinnt der Film erst spät
zurück: Dann, wenn Bruno Ganz und Corinna Harfouch mit dem
Taxi hinausgleiten in die Zürcher Nacht. Trotzdem: Es macht
über weite Strecken Spaß, dieser
Geburtstagsgesellschaft bei der verbalen Arbeit gegen das Altern
zuzusehen. Schade nur, dass sich Schaub zu sehr auf eine
weitgehend nur zweckdienliche TV-Ästhetik
beschränkt.
















