Kino

Giulias Verschwinden

Geschichten vom Älterwerden

VergrößernDer Schweizer Autor Martin Suter verfasste das Originaldrehbuch zu "Giulias Verschwinden". Christoph Schaub machte daraus zu weiten Teilen einen vergnüglichen Film über das Altern.
© X Verleih AG
Es muss einem ja nicht gleich wie dem seligen Dorian Gray ergehen, der sein Bild für sich altern ließ, während er selbst weiter die Maske der Jugend trug. Es reicht ja auch schon, wenn einem die ältere Dame in der Straßenbahn sagt: "Uns sieht man nicht mehr ...!" Uns!? Wer mag gemeint sein? - "Ich doch nicht", denkt sich die Giulia der Corinna Harfouch, die gerade mit der Tram durch Zürich fährt. Aber kann es sein, dass ausgerechnet heute, an ihrem 50. Geburtstag, eben doch ihr Gesicht im Dunst der Scheibe entschwindet? Und was fängt man mit dem Gelaber der Teenager an, die "niemals 30" werden möchten - was für ein schreckliches Alter! - Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, und sicher ist dieser Beginn von "Giulias Verschwinden", in dem es ums Altern in allen Variationen und Reflexionen geht, die wahrscheinlich schönste Stelle des Films, dem es ergeht wie dem Leben: Er / es dreht sich irgendwann um sich selbst.

Aber kann man deswegen böse sein? Nein - zu treffsicher sind die Pointen der Witze gesetzt, zu funkelnd ist dann doch der Esprit, den all die Schweizer draufhaben, die der Regisseur Christoph Schaub und der Romancier und Drehbuchautor Martin Suter da versammelt haben.

Alles haben sie was Böses beizutragen, wenn es um die Erfahrung des Alterns geht. Egal, ob das nun das sich stets zankende schwule Odd Couple ist, das Stefan Kurt und André Jung sich ineinander verkeilend spielen, oder das auch nicht mehr ganz junge Ehepaar, bei dem der Sexversuch in den Krampf des Unterschenkels übergeht. Auch der ewig Sportliche darf da nicht fehlen, dabei täte ihm vor allem Gedächtnistraining gut - ist er doch einer von jener Sorte, der, wenn er ins andere Zimmer geht, bereits vergessen hat, was er da wollte.

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Sie alle soll Giulias 50. beim Zürcher Edelitaliener zusammenführen. Und weil Giulia dann sehr, sehr lange auf sich warten lässt, bleibt für Witze und Bonmots viel Raum. Eine huis-clos-Situation. Man schlägt sich die Zeit um die Ohren beim Champagner-Apéro, und die Wörter erst recht. Manches kennt man vielleicht schon, manches ist neu. Etwa die Erinnerung, dass man wieder mal ins Museum müsste, wenn man sich morgens im Spiegel sieht. Oder, dass das Langzeitgedächtnis des Tischnachbarn verdammt gut sein muss, wo er sich doch so genau an seinen 50. erinnern kann. Dass einer als Weightwatcher angeblich fast gar nichts zugenommen hat, sich aber das Fett an die falschen Stellen verlagert hat.

Während die Fifty-something-Gesellschaft in Erwartung der schönen Giulia recht unterhaltsam um sich selber kreist (und die Kamera, die meist einfach auf Großaufnahmen setzt obendrein), wird diese selbst von einem recht klebrigen älteren Herrn umworben, dessen Komplimenten sie nicht entgeht. Bruno Ganz krault sich in dieser Rolle förmlich in sein Gegenüber hinein, zieht alle Register, die so ein Mime zu bieten hat. Auf jede Frage zu Tod und Alter weiß er was - und nimmt Giulia damit die Angst. Pfeif auf die Geburtstagsrunde, sagt die, und lässt der wunderbar schrillen Sunnyi Melles den Vortritt als unerwarteter Gast.

Hätte eigentlich alles schon gereicht, doch der im Fugenstil episodenhaft zusammengesetzte Film nimmt auch noch einen Umweg ins Altenheim, wo eine gewiss sensationelle alte Dame (Christine Schorn) in einer eigenen Geburtstagsrunde die Fetzen fliegen lässt - und die Tortenstücke obendrein.

Spätestens jetzt verliert der Film trotz dienlicher Musik (Balz Bachmann) sein Timing, den schönen Reiz des Kammerspiels. Sich mit Witz und Humor des Alters zu erwehren, das müsste nicht immer und unaufhörlich komisch sein (und es gibt ja hier auch Tränen), aber leicht sollte es bleiben. Eben diese Leichtigkeit gewinnt der Film erst spät zurück: Dann, wenn Bruno Ganz und Corinna Harfouch mit dem Taxi hinausgleiten in die Zürcher Nacht. Trotzdem: Es macht über weite Strecken Spaß, dieser Geburtstagsgesellschaft bei der verbalen Arbeit gegen das Altern zuzusehen. Schade nur, dass sich Schaub zu sehr auf eine weitgehend nur zweckdienliche TV-Ästhetik beschränkt.

Wilfried Geldner
Giulias Verschwinden
CH, 2009
Komödie
Regie: Christoph Schaub
Darsteller: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt u.a.
Starttermin: 04.02.2010
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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