Kino / Portraits

"Wir wollen und müssen uns schämen"

Christan Ulmen und Fahri Yardim spielen sich in Staffel 2 der Comedy-Serie "Jerks" wieder selbst (ab 29. März bei Maxdome)

Menschenfleisch-Dinner, Behindertenwitze, Flirts mit Minderjährigen: In der zweiten Staffel ihrer Serie "Jerks" setzen Christian Ulmen (42) und Fahri Yardim (37) in Sachen Inkorrektheit und Fremdscham noch einen drauf. Die beiden Freunde, die sich schon aus Hamburger Kindertagen kennen, spielen in zehn neuen Folgen wieder unerträglich peinliche Versionen ihrer selbst. Ab 29. März improvisieren sich die "Tatort"-Stars auf Maxdome durch die derzeit beste deutsche Comedy. Dass sie auch außerhalb von "Jerks" als kongeniales Duo brillieren, zeigten Ulmen und Yardim beim Gespräch über Freundschaft, Selbstmitleid und unangenehme Wahrheiten.

teleschau: In Staffel 2 Ihrer Serie "Jerks" muss man in manchen Szenen vor Fremdscham fast wegschauen. Das ist gewollt, oder?

Christian Ulmen: Wir wollen und müssen uns schämen. Das ist unser Genre: Wir sind eine Horror-Serie. Nur ist es nicht der Schmerz des Schreckens, sondern die Qual der Scham, die unseren Horror ausmacht.

teleschau: Dürfen wir ein Beispiel erfahren, das auf echten Erlebnissen basiert?

Fahri Yardim: Zu verraten, was wahr ist, gefährdet unsere Selbstschutz-Strategie. Wüssten alle, was davon stimmt, würden wir uns in Gefahr bringen. Allein rechtlich würde es relevant.

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teleschau: Gab es denn nach der ersten Staffel Reaktionen, die in den Figuren die echten Ulmen und Yardim erblickten?

Yardim: Keine Ahnung, jedenfalls haben sich unsere Neurosen gefreut, dass sie auch mal vorkommen durften. Es ist eine große Freude, sein Leid zu teilen. Auch mit dem Publikum.

teleschau: Finden Sie "Jerks" eigentlich auch als Zuschauer lustig?

Yardim: Ein absolutes Ja. Ich kann mich durchaus in die Zuschauerperspektive abstrahieren. Bei anderen Projekten, in denen ich mitwirkte, war ich durchaus auch schon weniger begeistert.

Ulmen: Sag mal, welche das waren!

Yardim: Ah, da fällt mir der Titel jetzt nicht direkt ein (lacht). Nein, das wäre unhöflich gegenüber allen, die daran mitgewirkt haben. Da steckt ein Haufen Arbeit drin, eine Vision und unterschiedlicher Geschmack. Das muss ich nicht angreifen.

Ulmen: Ich kenne diesen schmerzhaften Druck, allen sagen zu wollen: Geht nicht in diesen Film! Guckt euch den nicht an, der ist furchtbar! Aber das tue ich nicht, weil außer dir als Schauspieler, der ja nur der Spieler auf dem Platz ist, viele andere beteiligt waren. Vielleicht eine Autorin, die das Werk sehr liebt. Die mag man nicht traurig machen.

Yardim: Oder eine Produzentin, die zwei Jahre gebraucht hat, um es zu finanzieren, rumtingelt, sich einen abrackert. Die schließt ihr Mammutprojekt endlich ab - und dann kommst du privilegierte Nervbacke und sagst: Das war scheiße. Das steht einem nicht zu. Demut muss sein.

teleschau: Es gibt eine Szene in "Jerks", in der die Serien-Nora-Tschirner den Serien-Christian-Ulmen für seine Rollenwahl kritisiert. Kommt das auch im echten Leben unter Kollegen oft vor?

Ulmen: Ja, aber nur unter Kollegen, denen man auch auf freundschaftlicher Ebene begegnet. Außer Fahri, der findet ja sogar meinen "Tatort" gut (lacht).

Yardim: Wir sagen uns gegenseitig, mit einer gewissen Lust am Schmerz, gerne die Wahrheit. Ist unangenehm - aber davon lebt unsere Freundschaft.

Ulmen: Ist mir schon aufgefallen. Ständig kennst du meine Filme. Wieso guckst du die alle?

Yardim: Es ist sehr spannend, dich im Korsett einer fremden Idee zu beobachten. Um dich besser kennenzulernen. Ich wusste nicht, dass du dich so domestizieren lässt. Ich hielt dich immer für unkorrumpierbar. Doch dann sah ich dich als angestellten Schauspieler (lacht). Ist hart, aber die Wahrheit.

Ulmen: Ich hasse diese Wahrheit natürlich. Aber ich finde es gut, dass Fahri sie ausspricht. Dann muss ich das nicht machen. Ich hab keinen einzigen Film mit Fahri gesehen bis jetzt (lacht).

teleschau: Was in "Jerks" auffällt: Ihr Arbeitsalltag als Schauspieler spielt fast gar keine Rolle ...

Ulmen: Ursprünglich haben wir mal Szenen geschrieben, die von unserem Leid beim Dreh handeln. Das wirkte aber im Nachhinein wie ein Schwelgen in langweiligen Luxusproblemen. Ich glaube es kommt nicht von ungefähr, dass in Deutschland nie etwas geglückt ist, das im Film- und Fernsehkontext spielt. Ich habe den Eindruck, die Zuschauer interessieren sich überhaupt nicht dafür, welche Befindlichkeiten wir haben. Mit Recht.

Yardim: Filmkultur ist hier nicht so gesellschaftlich verortet wie in den USA. Hinter die Kulissen zu blicken, kann spannend sein, aber es muss dezent dosiert sein, sonst wird es schnell selbstgefällig. Was in "Jerks" aber natürlich vorkommt: Der Narzissmus unserer Branche. Besonders verkörpert in der Rolle des "Fahri".

teleschau: Larry David sagte über "Curb Your Enthusiasm" mal: Der Serien-Larry hat keine Angst und sagt die Wahrheit, während der echte Larry immer Angst hat und immer lügt. Eine Art Arschloch-Version seiner selbst, die er insgeheim bewundert.

Yardim: Eine elegante Schutzbehauptung. Dahinter kann man sich gut verstecken; kann den charmanten realen Typen geben und das Hässliche abwälzen auf die Fiktion. Im Sinne von: Ja, ich kokettiere damit, dass ich damit sympathisiere, aber eigentlich bin ich ganz anders. Dabei schöpfe ich, wenn ich ehrlich bin, in der Improvisation vor allem aus mir - für "Jerks" gerne aus den derberen Kammern. Ob es mir gefällt oder nicht, es sind Anteile, die zu mir gehören.

Ulmen: Ich habe darüber noch nie so wirklich nachgedacht. Das Larry-David-Zitat finde ich spannend. Der Abgleich zwischen der privaten und halb-fiktiven Figur ist mir zu anstrengend und sinnlos. Aber ich merke, dass ich mich mit meiner "Jerks"-Figur oft im Selbstmitleid suhle. Ich kann traumatische Situationen nochmal durchleben, in denen ich mir sehr leid tue.

teleschau: In der zweiten Staffel lügt Fahri für Christian, damit sein Fremdgehen nicht auffliegt. Haben Sie als echte Freunde schon mal für den anderen gelogen?

Ulmen: Ich habe ihn schon mal bei einem Dreh gedeckt, bei dem er den Text nicht gelernt hatte. Er redete dann immer Bullshit, und ich hab das aufgefangen. Das war in "Wer's glaubt wird selig". Ich habe ihn nicht auffliegen lassen.

Yardim: Daran erinnere ich mich nicht. Und wüsste auch nicht, wie ein Schauspieler den anderen decken könnte. Was ich aber gerne mache: Christian aufbauen! Zum Beispiel äußerlich. Neulich war er etwas gedrückt, weil ich einer Playboy-Umfrage zum attraktivsten "Tatort"-Kommissar gewählt wurde, er kam nicht unter die Top-Ten. Dabei sieht man doch: Er hat wunderschöne Augen. Wenn er sich mal in meine Hände begeben würde, könnte man da einiges rausholen (lacht). Rein äußerlich - an seiner wundervollen Seele muss man nichts machen.

Ulmen: Du würdest mich einkleiden?

Yardim: Ich würde Frisur und Bart stutzen, die merkwürdige Kappe abnehmen. Den Opa-Look in die Zukunft verschieben. Da ist vielmehr rauszuholen. Ich glaube, er hat es sich gemütlich gemacht in einer Kunstwelt von sich selbst. Hat sich mit viel Glück 'ne hübsche Frau angelacht, damit es nicht ganz so auffällt. Aber am Ende des Tages ist es tragisch, wie bescheiden er seine eigentlichen Schönheit behandelt. Dass er ein talentierter Bursche ist, feinsinnig, das muss man ja nicht extra sagen. Damit geizt du ja nicht.

teleschau: Sie beide kennen sich seit Ihren Kindertagen in Hamburg.

Yardim: So richtig befreundet waren wir erst später. Wir kannten uns einfach aus dem Pandaclub des WWF und vom Judo.

Ulmen: Etwa bis ich nach London zu MTV ging.

Yardim: Ich verlor ihn an die Sterne und war gefangen in einer Mischung aus Neid und Missgunst.

Ulmen: Eine Mischung zweier völlig konträrer Dinge (lacht). Aber angefreundet haben wir uns erst im Rahmen der Schauspielerei.

teleschau: Fällt es Ihnen leicht, sich mit Menschen anzufreunden?

Ulmen: Absolut. Eine Freundschaft mit aktiver Nähe zu pflegen ist hingegen nicht so mein Ding. Wenn ich einen freien Tag habe, ist das letzte, was mir einfällt, jemanden anzurufen. Ich bin sehr gern allein.

Yardim: Bedürftigkeit steht im Kontrast zu Freundschaft. Es flutscht entweder organisch oder gar nicht.

teleschau: Ist man als prominenter Schauspieler im Kontakt mit Menschen eigentlich vorsichtiger?

Yardim: Ich mag Menschen. Auch meide ich die Öffentlichkeit nicht - ich fahre Öffis, ist mir scheißegal, wer mich anquatscht. Das werde ich mir auch erhalten, ich brauche das. Da findet das Leben statt. Wenn man sich dem versperrt, wird es zur Blase.

Ulmen: Ich bin jeden Morgen im Kindergarten, treffe Lehrer und Kinderärzte und frage im Supermarkt nach dem Soßenbinder. Deshalb muss ich nicht im Reihenhaus wohnen. Der Wunsch nach dem Alleinsein hat nichts mit Menschenfeindlichkeit zu tun. Ich mag auch Rhabarberkompott und bade nicht jeden Tag darin.

teleschau: Muss man jemanden regelmäßig sehen, um ihn einen Freund zu nennen?

Ulmen: Für mich hat Freundschaft nichts mit Zeit zu tun. Die besten Freunde erkenne ich daran, dass ich sie fünf Jahre nicht sehe - und wenn man sich trifft, ist es, als sei keine Zeit vergangen. Zeit ist keine Bedingung.

Yardim: Zeit mit den Freunden zu verbringen, sie zu sehen, ist eben schön. Mir ist es wichtig, Freunde häufiger als zweimal im Jahr zu sehen.

Ulmen: Mir ist es wichtig, sie überhaupt zu sehen. Auch wenn ein paar Jahre dazwischen liegen.

Yardim: Was machst du denn stattdessen?

Ulmen: Fieber messen, Müsli zubereiten, bei den Hausaufgaben helfen und mit meiner Frau Serien gaffen. Es kommt auf die Qualität der Begegnung an. Deshalb sind bei mir immer dann Freundschaften zu Ende gegangen, wenn Leute sich beschwerten, dass ich mich nie meldete. Echte Freundschaften erkennst du an der Irrelevanz des Zeitfaktors.

Yardim: Das tut so, als könnte Freundschaft einfach so koexistieren, ohne dass man Gemeinsames erlebt. Hier aber entwickelt sie sich weiter, hier wird sie vertieft.

Ulmen: Der geistige Austausch kann aber auch eine so starke Qualität haben, dass man nicht zusammen surfen oder Kajakfahren gehen muss.

teleschau: Wie oft sehen Sie beide sich denn?

Yardim: Ich achte seinen Energiehaushalt; da möchte ich ihm nicht mit Freundschaft auf den Sack gehen (lacht). Nein: Ich könnte ewig mit ihm Zeit verbringen.

Ulmen: Ich will auch mit ihm Zeit verbringen. Mehr als ich habe. Und würde gern immer wieder mit ihm Kajakfahren.

teleschau: Waren Sie jemals gemeinsam im Urlaub?

(zeitgleich)

Ulmen: Nee.

Yardim: Ja.

Ulmen: Wann waren wir denn zusammen im Urlaub?

Yardim: Der Panda-Club war für mich damals mit zwölf schon eine Art Urlaub. Aber stimmt, darüber hinaus gab es nichts.

Ulmen: Deshalb würde ich mit dir gern mal im Hausboot Urlaub machen.

Yardim: Gut, bis zur nächsten Staffel "Jerks" machen wir einmal gemeinsam Urlaub auf dem Hausboot. Auf die Freundschaft!

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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