Kino / Portraits

Brauchen Sie einen Cardigan?

Bill Nighy jagt in "The Limehouse Golem" (Start: 31.08.) einen Serienkiller im viktorianischen London

Manchmal braucht man eben nur diese eine Rolle, und dann läuft es einfach. Bei Bill Nighy etwa: Der ist TV- und Theaterliebhabern in Großbritannien schon seit Ende der 70er-Jahre ein Begriff, doch internationale Berühmtheit erlangte er erst 2003, als er in "Tatsächlich ... Liebe" einen herrlich kauzigen Altrocker spielte. Seither trat der 67-Jährige in Filmreihen wie "Harry Potter", "Underworld" oder "Pirates of the Caribbean" auf, spielte alles vom Zombie in "Shaun of the Dead" bis zum Hitlerattentäter in "Valkyrie". In seinem neuesten Film "The Limehouse Golem" verschlägt es den umwerfend trockenen Briten nun ins viktorianische London, wo er als geschasster Inspektor einen Serienkiller ermitteln darf. Und zwar ohne Zylinder. Denn darauf legte Bill Nighy gesteigerten Wert.

teleschau: Zu Beginn ein kleiner Faktencheck: In der deutschen Wikipedia und nirgendwo sonst steht, dass Sie eigentlich Journalist werden wollten. Stimmt das?

Bill Nighy: Genauer gesagt sogar Autor: Einer meiner ersten Helden war Ernest Hemingway. Als ich 15 war, ging man nach dem Schulabschluss noch mit seiner Mutter zur National Youth Employment Agency. Der Mitarbeiter mit seinem großen Berufsregister fragte mich damals, was ich werden wollte. Als ich "Autor" sagte, trat meine Mutter mir unter dem Tisch auf den Fuß, so als wollte sie sagen: "Junge, sei doch nicht so blöd!"

teleschau: Wie reagierte der Mann vom Arbeitsamt?

Nighy: Der war wirklich nett. Er meinte, er hätte zwar keinen Job für einen angehenden Autor, wollte mir aber helfen, einen zu finden, der mich in die richtige Richtung leitet. So wurde ich Laufbursche eines sehr vornehmen englischen Jagd- und Fischereimagazins namens "The Field". Darin gab es noch die Rubrik "Debütantin des Monats" mit einer hübschen jungen Dame im Abendkleid.

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teleschau: Was war Ihre Aufgabe dort?

Nighy: Die bestand unter anderem darin, die Handtücher im Damenklo zu wechseln. Und die hochgeborenen Mädchen, die in der Redaktion für das Abtippen zuständig waren, richteten es immer so ein, dass sie genau dann im Damenklo waren, wenn der Handtuchwechsel anstand. Weil sie wussten, dass mir das furchtbar peinlich war und ich dann knallrot anlief.

teleschau: Aber daran scheiterte die Autorenkarriere doch nicht, oder?

Nighy: Nein, die scheiterte daran, dass ich zu schlecht in der Schule war und somit nicht die notwendigen Qualifikationen mitbrachte, um später bei der Lokalzeitung anzufangen. Was schade war, denn ich hatte dieses Bild von mir vor Augen, wie ich im Trenchcoat in einer regnerischen Nacht in Jugoslawien ein wunderschönes Mädchen interviewe, das sich am Ende natürlich in mich und meine mörderisch guten Sätze verliebt. Eigentlich ging es nur um das Mädchen.

teleschau: Und der zweitbeste Weg, das Mädchen zu bekommen, war die Schauspielerei?

Nighy: Schauspieler wurde ich nicht, um Mädchen zu beeindrucken. Wobei das erste Mädchen, das sich für mich interessierte, mir vorschlug, Schauspieler zu werden. Sie schrieb sogar den Brief an die Schauspielschule. Doch, in dem Licht betrachtet wurde ich wohl wirklich Schauspieler, um das Mädchen zu kriegen.

teleschau: In Großbritannien sind Sie schon seit Jahrzehnten berühmt, hierzulande kennt man Sie jedoch erst seit Ihrem Rockstar-Auftritt in "Tatsächlich ... Liebe" (2003). Beschreiben Sie doch bitte mal den jungen Bill Nighy.

Nighy: Der junge Bill Nighy hatte schwer zu bändigende Haare, schlechte Zähne, keinerlei Organisationstalent, war furchtbar ungeschickt im Umgang mit Mädchen und besessen von Rhythm & Blues. Seine Nase steckte ständig in einem Buch, er kaute an seinen Fingernägeln, bis er etwa 43 war, er war furchtbar unsicher und auch ansonsten ein sehr durchschnittliches Durcheinander.

teleschau: Und das wurde alles mit den Jahren besser?

Nighy: Ha, schön wär's! Das Alter wird völlig überschätzt, wenn es um die Reife eines Menschen oder die Anhäufung von Wissen geht. Und auch als Schauspieler muss man nicht auf das Alter warten, um irgendwann gut zu sein. Man wird nicht zwangsläufig besser, nur weil man älter wird. Aber ich persönlich glaube, es wurde in den letzten Jahren etwas einfacher für mich.

teleschau: Das Älterwerden?

Nighy: Das ist alarmierenderweise nicht besonders schwierig: Irgendwann schaut man in den Spiegel und fragt sich, wer der Typ darin eigentlich ist. Ich meine, dass es mir nun leichter fällt, ich selbst zu sein.

teleschau: Darum müssen Sie nun beispielsweise nicht mehr lügen, wenn Sie nach Ihrer Vorbereitung auf Ihre Rollen gefragt werden?

Nighy: Genau! Von Schauspielern wird in Interviews immer erwartet, dass Sie von Ihrer aufwendigen Rollenrecherche berichten. Und wenn man jung ist, lässt man sich dazu hinreißen. Nun aber bin ich in einem Alter, in dem ich frei einräumen kann, dass ich nie welche betreibe. Alles, was ich brauche, steht im Drehbuch, aber das war lange Zeit nicht salonfähig. Wenn man in den 70er-Jahren etwa einen Fotografen spielen sollte, schickten die Produzenten einen in ein Atelier. Dort langweilte man sich für acht Stunden zu Tode und musste im Anschluss glaubhaft versichern, wie wertvoll diese Erfahrung doch war. Für mich waren solche Lehrstunden nur dann ein Erfolg, wenn mein Studienobjekt tolle Hosen trug und mir sagen konnte, wo ich auch solche herbekomme.

teleschau: Apropos Hosen: Sie sagten einmal in einem Interview, dass Sie ungern in Kostüm-Dramen mitspielen, weil Ihnen die Schnitte der Hosen in bestimmten Epochen nicht zusagen.

Nighy: Ausschlaggebend ist vordergründig natürlich das Drehbuch, aber seien wir doch mal ehrlich: Erst in den späten 1940er-Jahren wurde die Mode für beide Geschlechter wirklich ansehnlich.

teleschau: Dann müssen Sie sich am Set von "The Limehouse Golem" ja richtig wohlgefühlt haben - der Film spielt in den 1880-ern.

Nighy: Ich habe darin glücklicherweise ein paar ganz gute Klamotten abbekommen. Und ich konnte die Macher davon abbringen, mir einen Zylinder aufzusetzen. Man kann mit Zylinder schauspielern. Ich meine, ich könnte, aber ich lasse es lieber.

teleschau: Wie wichtig ist Ihnen Ihr Aussehen?

Nighy: Ich bin im Großen und Ganzen nicht besonders überzeugt von meinen Aussehen. Darum denke ich, wenn ich ein paar schicke Klamotten drüberwerfe, habe ich zumindest die. Besonders in meinem Alter ist das Mindeste, was man für sein Aussehen tun kann, sich gut zu kleiden. Vielleicht ist es mir deshalb wichtig. Ich hatte immer einen gewissen Enthusiasmus für Kleidung. Sie ist ein Statement, selbst wenn man damit nur ausdrücken will "Schau mich nicht an, ich verstecke mich". Und ich mag Frauenkleider mehr als Männerkleider. Nicht um sie selbst zu tragen, aber ich kaufe sie gern.

teleschau: Für wen?

Nighy: Für meine Tochter und ihre Mutter. Ich tue nichts lieber, als meine Tochter einzukleiden, sie hat Schränke voll von Sachen, die ich ihr gekauft habe. Und ich habe eine wirklich hohe Erfolgsquote! Aber erst neulich hat sie mir verboten, ihr noch mehr Cardigans zu kaufen.

teleschau: Wieso ausgerechnet Cardigans?

Nighy: Das ist wohl eine Art Fetisch von mir: Für mich gibt es kein schöneres Kleidungsstück für eine Frau als einen Cardigan. Sie sind romantisch, sie sind sexy - ich weiß, das ist merkwürdig, aber Cardigans sind sexy - und sie sind sehr schick. Aber Mary hat inzwischen einfach zu viele davon. Nun muss ich wohl jemand Neuen finden, dem ich Cardigans kaufen kann. Falls sich jemand angesprochen fühlt: Ruf mich an!

Annekatrin Liebisch

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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