Kino / Portraits

Teamplayer ohne Eitelkeiten

Rainer Bock spielt eine Hauptrolle in "Einsamkeit und Sex und Mitleid" (ab 4. Mai)

In Deutschland kennt jeder Fernsehzuschauer sein Gesicht, auch international arbeitete Rainer Bock bereits mit Regisseuren wie Steven Spielberg und Quentin Tarantino. Doch bei "Inglourious Basterds" durchs Bild zu huschen, reicht dem Kieler nicht. Er will mehr, er kann auch mehr. Wenn er über seine Rollen spricht, sieht der 62-Jährige die Welt weiterhin durch die Theaterbrille. Er hat eine feine Art zu sprechen, seine Worte haben präzisen Schliff. Im sehr mutigen deutschen Ensemble-Episodenfilm "Einsamkeit und Sex und Mitleid" (Start: 4. Mai) spielt er einen unsichtbaren Familienvater. Der müde Mann lebt mit leeren Augen nur die wenigen guten Momente mit seinen Kindern und wird von einer Künstlerin im Baumarkt entdeckt, die ihn zum lebendigen Kunstwerk macht. Alleine diese Bilder sind den Film schon wert.

teleschau: Sie eignen sich fantastisch als Kunstobjekt. Man könnte - entschuldigen Sie - fast sagen: Sie sahen noch nie so gut aus!

Rainer Bock: (lacht) Das stimmt wohl. Es hat zweieinhalb Stunden bis zur Vollendung gedauert. Mich hat ein sehr talentierter Theatermaler bearbeitet. Er war ganz im Gegensatz zu mir ein sehr geduldiger Mensch, tastete sich langsam an das Motiv heran, bis er mich zum Kunstwerk verwandelte.

teleschau: Haben Sie sich dieses fantastische Bild zuhause aufgehängt?

Bock: Nein, ich habe das zwar im Großformat bekommen, aber es aufzuhängen, wäre mir zu eitel.

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teleschau: Sind Sie nicht eitel?

Bock: Ich pass schon ein bisschen auf mich auf, aber ich hoffe nicht, dass ich als eitel wahrgenommen werde. Das würde mich nachdenklich stimmen.

teleschau: Sind Sie denn, um den Vorwurf aus dem Film herauszunehmen, ein strukturierter Mensch?

Bock: Witzigerweise war ich das kaum, bis ich Schauspieler wurde. Als ich dann am Theater angestellt war, entwickelte sich Disziplin. Wenn die Proben um zehn Uhr begannen, konnte ich nicht ausschlafen und um viertel elf auftauchen. Insofern brachte ich eine gewisse Struktur in mein Leben, früher war ich da anarchischer. Zwischen Schule und dem Beruf als Schauspieler lagen bei mir Jahre mit Jobs, auch viel politische Arbeit - in einer anderen Zeit, in der jungen Menschen dies gestattet wurde.

teleschau: Dem ist nicht mehr so?

Bock: Ich denke, heute ist schon mehr Druck da. Die jungen Menschen arbeiten sehr fokussiert, haben wenig Zeit, haben Angst, dass sie durch den Rost fallen.

teleschau: Gedanken an ihre Anti-AKW-Vergangenheit sind beinahe nostalgisch. Sind Sie denn heute noch politisch reizbar?

Bock: Reizbar schon, ich verfluche mich manchmal wegen meiner Inaktivität, beruhige mich dann mit dem Gedanken: Das müssen jetzt mal die Jungen machen. Natürlich nehme ich regen Anteil am Geschehen, lese Tageszeitungen und vertrete meine Meinung. Aber als politisch handelnden Menschen sehe ich mich nicht.

teleschau: Wie kam es zum Ende Ihrer "Straßenkarriere"?

Bock: Das Ende der Anti-AKW-Bewegung war bestimmt durch die übermächtige Staatsgewalt und ja, das hatte mit Resignation zu tun bei mir. Wir kamen nicht mehr weiter, und ich wollte diesen Kampf auf dem Feld der Demonstrationen ausgetragen wissen. Wenn man den Weg durch die politischen Institutionen gehen muss, dann verabschiede ich mich an dieser Stelle. Man konnte nur noch verlieren.

teleschau: Was nicht immer schlecht sein muss ... Als Sie Ihre Anstellung am Münchner Residenztheater Mitte der Nullerjahre verloren, starteten Sie eben vor der Kamera richtig durch.

Bock: Naja, ich stellte mich nicht mit stolzgeschwellter Brust den Ängsten entgegen und fragte: "Wo ist das Klavier?". Auch wenn ich von Begehrlichkeiten hörte, hatte ich durchaus Respekt, in München ohne Sicherheit zu leben. Eine gewisse Demut schadet da nicht. Dennoch lehnte ich darauffolgende Angebote zur Festanstellung am Theater ab und wollte das mal ausprobieren.

teleschau: Das spricht für einen gewissen Mut.

Bock: Wobei ich eher der ängstliche Typ bin. Ich bin auch in Stunt-Dingen kein Profi, denn ich habe großen Respekt vor dem Schmerz. Andererseits finde ich es mutig, wenn ich vor 800 Menschen auf der Bühne stehe. Dazu sagt ein sonst risikobereiter Rennfahrer gerne nein!

teleschau: Die Bühne war Ihr Metier. Wie sehr schätzen Sie Ensemblearbeit?

Bock: So sehr, dass ich ihretwegen so lange am Theater geblieben bin. Ich war immer ein Feind des Monologs, das hat mich nicht interessiert, das widerspricht meinem Verständnis von Spiel. Da sind wir wieder beim Thema Eitelkeit. Es geht um das Zusammenspiel, bei dem, wenn man die Augen aufmacht, immer aufregende Dinge entstehen.

teleschau: Beim Film leidet das Miteinander. Man erreicht diesbezüglich nie die Qualität des Theaters, oder?

Bock: Das stimmt. Die Ensemblesituation wird immer wieder auseinandergerissen. Film manipuliert mehr: Der Zuschauer schaut da hin, wo es der Regisseur will. Im Theater darf der Zuschauer selbst entscheiden. Aber ich finde im Film generell die Ensembleleistung wenig berücksichtigt. Deshalb ist es auch schade, dass dieser Ensemble-Film "Einsamkeit und Sex und Mitleid" nicht bis zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis geschafft hat.

teleschau: Sind Sie aktuell mit Ihrem unsteten Leben als "freier" Schauspieler zufrieden?

Bock: Sehr. Auch, weil meine Familie gut ohne mich auskommt. Ich will nicht sagen, dass sie es genießt, dass ich nicht da bin. Aber mein Sohn ist 19, und das Familienleben wird durch meinen Beruf nicht geschwächt, deswegen bin ich sehr zufrieden mit der Situation.

teleschau: Im Film geben Sie einen überflüssigen Familienvater, der im Kino dieser Tage vermehrt stattfindet. Wie erklären Sie sich das?

Bock: Gott sei Dank kommen Frauen immer mehr in Schlüsselpositionen, die Männern sonst vorbehalten waren. Was aber nicht heißt, dass man deswegen die Männer zu Volltrotteln degradieren muss. Auch wenn diese ironische Sichtweise präsent ist, glaube ich: Diese Charaktere gab es immer schon. Man setzt nur aktuell den Fokus drauf. Früher fochten sich die Männer durch die Welt, retteten sie vorm Untergang. Jetzt sind mal die Schwachen interessant, die mit ihrer Situation im Leben Probleme haben. Es sind aber Probleme, die jeden Mann und jede Frau treffen können.

teleschau: Was auch heißt, dass Männer ehrlicher dargestellt werden.

Bock: Das meinte ich. Ich finde auch im Theater Reibung wichtig: Wenn eine Figur als wahnsinnig stark angelegt ist und der andere als Trottel, dann sind Gewinner und Verlierer klar, und es gibt keine Reibung. Wie soll man mit dem Schlappschwanz Empathie empfinden? Das ist langweilig.

Claudia Nitsche

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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