Natürlich gehört es zum guten Ton, dass Schauspieler die Co-Stars aus ihrem aktuellen Film in Interviews über den grünen Klee loben. Als Brad Pitt jedoch im Mai 2011 Jessica Chastain pries, tat er das wohl nicht nur aus Höflichkeit: "Wir werden noch Großartiges von dieser Frau sehen", sagte Pitt in Cannes über den Rotschopf, der in "Tree of Life" seine Ehefrau spielte. Keine zwei Jahre später nun ist Jessica Chastain für ihre Hauptrolle in "Zero Dark Thirty" (Start: 31. Januar) zum zweiten Mal oscarnominiert - und bemüht sich immer noch nach Kräften, eine Unbekannte zu sein.
Die Tage, in denen Jessica Chastain unbehelligt durch Santa Monica streifen kann, dürften gezählt sein: Die zierliche Schauspielerin wird als große Favoritin auf den Oscar für die beste Hauptdarstellerin gehandelt - und das nicht erst, seit sie sich vor wenigen Wochen schluchzend für den Golden Globe bedankte. 30 Festival- und Kritikerpreise nahm die Amerikanerin in den vergangenen zwei Jahren entgegen - verdienter Lohn für harte Arbeit und für viel Geduld.
Noch vor ein paar Jahren wäre wohl kaum ein Produzent auf die Idee gekommen, der kühlen Schönheit mit dem einnehmenden Lächeln eine tragende Rolle in "Iron Man 3" anzubieten. Und Chastain wäre sicherlich nicht auf die Idee gekommen, diese abzulehnen, um sich stattdessen dem Filmexperiment "The Disappearance of Eleanor Rigby" und dem Theaterspiel zu widmen. Als "entmutigend" beschreibt die Absolventin der renommierten New Yorker Julliard School ihre ersten Jahre in der Branche oft: "Wenn ich mich bei den Vorsprechen umschaute, fiel mir auf, dass ich anders war als alle anderen", erinnerte sie sich etwa gegenüber dem "Independent". "Ich glaube, die Leuten wussten nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten." Al Pacino hingegen wusste es: Er engagierte die bühnenerprobte Unbekannte 2006 für die Hauptrolle in seiner Theaterinszenierung von Oscar Wildes "Salome". Und das Eis war gebrochen.
Einen Film nach dem anderen drehte Jessica Howard in den folgenden Jahren unter dem Mädchennamen ihrer Mutter: 2008 den preisgekrönten Experimentalfilm "Tree of Life" an der Seite von Brad Pitt und Sean Penn, ein Jahr später den Thriller "Eine offene Rechnung" zusammen mit Helen Mirren. 2010 folgten das Psycho-Drama "Take Shelter" und die Südstaatendramedy "The Help", für die sie ihre erste Oscarnominierung erhielt. Der Zufall wollte es, dass all jene Produktionen im Jahr 2011 in die Kinos kamen - und Chastain gegenüber der "Huffington Post" ernsthaft befürchtete, "der Newcomer zu werden, den jeder über hat, obwohl man noch nicht mal den Namen kennt".
Immer noch scheinen Selbstzweifel der ständige Begleiter des Kritikerlieblings zu sein, wohl aber auch das Geheimnis von Chastains hochemotionalen Spiel: "In der Regel nehme ich eine Rolle immer dann an, wenn ich das Gefühl habe, dass ich sie nicht spielen kann", gestand das Yves-Saint-Laurent-Model kürzlich einer amerikanischen Filmcommunity. Die toughe CIA-Agentin, die Chastain in "Zero Dark Thirty" gibt, fällt genau in diese Kategorie: "Ich bin ein Hippie aus Nordkalifornien, also das komplette Gegenteil dieser Frau. Ich bin unorganisiert, ein echtes Durcheinander. Ich wäre schon froh, wenn ich nur einen Bruchteil ihrer analytischen Fähigkeiten hätte."
Den Hang zur Verschwiegenheit aber teilt die vermutlich 35-Jährige mit der von ihr dargestellten Bin-Laden-Jägerin: Über ihr Geburtsdatum und ihren Heimatort lässt die Tochter eines Feuermanns und einer veganischen Köchin die Medien ebenso spekulieren wie über ihr Beziehungsleben. "Ich versuche, so geheimnisvoll wie nur möglich zu sein, besonders in Hinblick auf mein Privatleben", erklärte Chastain einem britischen Journalisten. "Ich gestalte mein Leben so einfach wie möglich, damit ich leicht verschwinden kann". Die Frage ist nur, ob man sie jetzt noch so einfach gehen lassen will ...
Annekatrin Liebisch









