Hätte die englische Oberschicht ein Gesicht, es könnte das von Rupert Everett sein. In der Blutslinie des Schauspielers mit den markanten Zügen finden sich Barone, Sirs und sogar deutsche Freiherren. Aber auch wenn er sich am anderen Ende der Leitung, in einem Fünf-Sterne-Hotel auf Jamaica, ein wenig so anhört: Everett als Schnösel abzustempeln, wäre falsch. Den goldenen Löffel nahm sich der heute 53-jährige bekennende Homosexuelle mit 16 Jahren selbst aus dem Mund, schmiss die Schule und schrieb sich an einer Londoner Schauspielschule ein, von der er später wegen Ungehorsams flog. Die typische Besetzung eines Rosamunde-Pilcher-Films klingt anders? Dem Weihnachts-Zweiteiler "Die andere Frau" (So., 23., und Di., 25.12., jeweils 20.15 Uhr, ZDF) steht die durchtriebene Arroganz von Everetts Figur jedenfalls gut zu Gesicht.
teleschau: Sie waren schon immer ein Stück weit ein Rebell. Gaben Ihnen Ihre Eltern diese Geisteshaltung mit auf den Weg?
Rupert Everett: (lacht) Meine Eltern sind sehr konventionell und hätten mich nie dazu erzogen, immer meine Meinung zu äußern. Alles andere als das. Aber jemand, der sich in irgendeiner Form an den Künsten beteiligt, muss doch eine Meinung haben und auch den Mumm, sie zu äußern, finden Sie nicht?
teleschau: Woher kommt diese Überzeugung?
Everett: In den 70-ern, als ich meine ersten Schritte als Schauspieler machte, war dieser Beruf nicht nur ein Job, er war eine Berufung. Fast so, wie das bei Priestern ist. Die Leute nahmen das damals sehr, sehr ernst. Wir waren uns der Verantwortung des Berufs bewusst. Heute ist das anders, aber ich bin - was das betrifft - von der alten Schule.
teleschau: Ihre Ehrlichkeit und Offenheit haben es Ihnen aber auch nicht immer leicht gemacht. Ihr Outing mit 25 sollen Sie später bereut haben.
Everett: Nein, das habe ich nie bereut. Ich halte ein Outing für einen Schauspieler nur generell nicht unbedingt für eine tolle Idee, und das sehe ich auch heute noch so. Für mich persönlich war es trotzdem das Richtige. Im Übrigen analysiere ich mein Leben nicht in Kategorien wie "Reue". Etwas zu bereuen, ist im Grunde ziemlich dumm, weil es sinnlos ist.
teleschau: Wie haben Sie die Reaktionen der Filmbranche auf Ihr Outing empfunden?
Everett: Zunächst habe ich eigentlich gar nicht groß darüber nachgedacht. Ich lebte damals in Frankreich und bekam den ganzen Wirbel erst mit, als ich wieder nach Amerika ging. Dort war das eine weitaus größere Sache. Auswirkungen auf mein Leben hatte das alles eigentlich erst später.
teleschau: Erstaunlich, dass es gerade in der Künstler-Szene so heftige Reaktionen auf Ihr Schwulsein gab.
Everett: Wir leben in einer völlig verqueren Welt, nicht wahr? Einerseits sind wir sehr liberal, und andererseits werden wir immer konservativer. Je unsicherer die Zukunft ist, desto mehr Angst haben die Menschen. Alle hoffen, dass uns die Errungenschaften der Technik aus der Patsche helfen, aber das tun sie nicht. Glauben Sie etwa, die Leute sind klüger, weil sie alles im Internet finden können?
teleschau: Sicher nicht.
Everett: Im Gegenteil! Die Leute werden immer dümmer und engstirniger. Computer können uns alles sagen, aber wir wissen gar nicht, wie wir diese Masse an Wissen überhaupt verarbeiten sollen. Sprache, Ausdrucksfähigkeit - diese Dinge sind im Niedergang begriffen. Etwas, das in Deutschland übrigens weitaus weniger ins Gewicht fällt als in England.
teleschau: Finden Sie?
Everett: Die Deutschen sind gebildeter. In einem Berliner Café spricht die Kellnerin in drei oder vier Sprachen mit dir, bei uns können die Kellnerinnen nicht mal Englisch.
teleschau: Sehen Sie sich selbst als Schauspieler, als Autor, als Entertainer oder als Künstler?
Everett: Meine Karriere begann ich als Schauspieler, und als solcher würde ich mich auch selbst beschreiben. Gleichzeitig liebe ich aber auch das Schreiben sehr, weshalb ich am liebsten beides kombinieren und Filme schreiben möchte, in denen ich selbst mitspiele.
teleschau: In Interviews sprachen Sie des Öfteren von der Langeweile der Schauspielerei ...
Everett: Ich gehöre nun mal zu den Leuten, die sich sehr schnell langweilen. Ein Schauspieler zu sein, kann mitunter öde sein, vor allem wenn man jeden Tag aufs Neue dasselbe spielt, wie bei einem Stück. Bei uns in England laufen Theaterstücke nämlich sehr lange. Beim Film ist das etwas anderes. Das Drehen ist abwechslungsreicher, weil sich die Karten täglich neu mischen.
teleschau: Viele Ihrer Kollegen beschweren sich darüber, nie den Bösewicht spielen zu dürfen. Sie tun das immer wieder, zuletzt in "Die andere Frau".
Everett: Wie fanden Sie den Film? Ich habe ihn selbst noch nicht gesehen. Habe ich eine schöne deutsche Synchronstimme?
teleschau: Durchaus. Aber Ihre Rolle als schmieriger Intrigant ist auch wohltuend.
Everett: Der Schurke ist immer meine erste Wahl. Gut, mustergültig oder heldenhaft zu sein - diese Dinge sind sehr schwer zu spielen. Dagegen macht es unheimlichen Spaß, Bösartigkeit und Arroganz darzustellen. Tatsächlich ist das auch viel einfacher.
teleschau: Unter anderem arbeiteten Sie in diesem Jahr an einem Film über Oscar Wilde mit dem Arbeitstitel "The Happy Prince". Wo steht das Projekt momentan?
Everett: Es nimmt langsam Gestalt an, wir sind noch dabei, die Finanzierung hinzubekommen. Hoffentlich können wir im September 2013 mit dem Dreh beginnen. Mein Kumpel Colin Firth spielt mit, ich schrieb das Drehbuch und spiele die Hauptrolle: eine Herausforderung. Aber ich gehe das Schritt für Schritt an, nervös werde ich erst, wenn es tatsächlich losgeht.
teleschau: Warum konzentrieren Sie sich in dem Film auf die letzten Tage im Leben von Oscar Wilde?
Everett: Mir fiel auf, dass alle anderen Filme über ihn vor seinem Gefängnisaufenthalt enden. Dabei beginnt durch die wiedergewonnene Freiheit eine erstaunliche Zeit in seinem Leben. Gerade diese Phase macht ihn zu einem der wichtigsten Charaktere des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
teleschau: Es ist bei Weitem nicht Ihre erste künstlerische Auseinandersetzung mit Oscar Wilde. Was genau fasziniert Sie so an ihm?
Everett: Sein Leben. Er war schon zu Lebzeiten berühmt, galt gleichzeitig aber als total anrüchig. Er war einst reich, starb aber praktisch als Obdachloser. Diese Reise vom Überfluss ins Nichts, vom Liebling der gehobenen Gesellschaft zum Kriminellen ist eine bewegende Geschichte, die auch romantisch und witzig ist! Das Leben von Oscar Wilde ist für mich die Brücke zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts, Modernismus, Feminismus und dem Ersten Weltkrieg. Der Wandel der Zeit lässt sich an seiner Biografie ablesen.
teleschau: Katholische Erziehung, Wohlstand, Homosexualität: Es gibt einige biografische Parallelen zwischen Ihrem Leben und seinem. Ist das ebenfalls ein Grund?
Everett: Dafür interessiere ich mich nicht besonders. Sich mit anderen zu vergleichen, ist eher deprimierend. Trotzdem ist Wilde natürlich auch deshalb eine Inspiration für mich, weil vor seiner Zeit über Homosexualität einfach nicht gesprochen wurde. Für jeden Schwulen ist Wilde so etwas wie eine Christusfigur.
teleschau: Sie versuchten sich dieses Jahr erneut als Autor. Mit welcher Motivation schrieben Sie Ihre zweite Autobiografie, "Vanished Years"?
Everett: Ich lese selbst am allerliebsten Bücher, in denen die Autoren über ihre eigene Zeit schreiben. In solchen Büchern erfährt der Leser etwas, das sich in Zeitungen nicht findet. Memoiren sollten so geschrieben sein, dass ein Leser 200 Jahre später den Geist der Zeit, falls es so etwas gibt, nachvollziehen könnte.
teleschau: Dem Titel zufolge schwingt aber auch ein wenig Nostalgie mit, oder?
Everett: Es ging mir schon auch darum, was es für mich bedeutet, ein Mann mittleren Alters und kein Jungspund mehr zu sein.
teleschau: Fällt es Ihnen schwer, die Privilegien der Jugend aufzugeben?
Everett: Nein, ich ziehe die stille Qualität des Alters vor. Als ich jung war, wollte ich alles und zwar sofort. Ich dachte, ich hätte keine Zeit. Heute weiß ich es besser. Der Druck, den ich mir selbst mache, ist weniger geworden - und das ist auch gut so.
Teresa Groß










