Es ist eine Geschichte, die selbst wie ein Märchen wirkt: Sabin Tambrea, ein 28-jähriger Berliner Theaterschauspieler, der in Rumänien geboren wurde, hat den Zuschlag für eine der anspruchsvollsten Kinorollen des Jahres bekommen. Für das aufwendige "Kini"-Casting, bei dem die Filmemacher Peter Sehr und Marie Noelle den Hauptdarsteller für ihren "Ludwig II."-Kinofilm (Start: 26. Dezember) suchten, empfahl sich der Shooting Star, der sonst am Berliner Ensemble spielt, vor allem durch seine Körpergröße (1,93 Meter) und seine edlen Gesichtszüge. Nun ist es an Tambrea, mit dem historischen Ballast der Rolle und dem Vergleich mit den berühmten Schauspiel-Vorgängern Helmut Berger und O.W. Fischer, die beide schon den Märchenkönig spielten, umzugehen. Sorgen muss man sich um ihn jedoch keineswegs.
teleschau: Herr Tambrea, hinter Ihnen liegen strapaziöse Monate mit langen Dreharbeiten und aufwendiger Film-Nachbearbeitung. Da muss es Sie doch schon stolz machen, wenn der Kinostart endlich in Sichtweite ist?
Sabin Tambrea: Natürlich. Fast ein halbes Jahr lang hielten mich tagtäglich die intensiven Arbeiten an der Rolle in Atem. Danach musste ich ein ganzes Jahr der Ludwig-Abwesenheit meistern. Jetzt kommt er auf einmal wieder zurück in mein Leben.
teleschau: Ihr Zugang zur Rolle wirkt sehr reflektiert. Wie bereitet man sich denn für König Ludwig vor - mussten Sie sich durch die Geschichtsbücher pflügen?
Tambrea: Absolut. Ich kann nicht so eine Rolle angeboten bekommen und dann einfach mal abwarten, was am Set auf mich zukommt. Mein Gewissen hat es mir abverlangt, dass ich mich, soweit ich die Möglichkeiten dafür hatte, zu 100 Prozent der Figur widme. Deswegen las ich auch alle Bücher, die ich in die Hände kriegen konnte. Es gibt allerdings über 4.000 Werke zu Ludwig ... Natürlich habe ich mir auch Filme und Dokumentation angesehen - und auf meine Regisseure vertraut: Sie sind möglicherweise die größten Ludwig-Kenner, die es mittlerweile gibt.
teleschau: Einige Zuschauer werden Ludwig ja noch einmal ganz anders kennenlernen.
Tambrea: Das hoffe ich. Aber dieser Vorgang könnte auch schwierig werden. Ludwig ist ja eine Figur, die so universell ist, dass jeder meint, ihn bestens zu kennen. Es stellt ein enormes Risiko dar, so einem Menschen einen neuen Film zu widmen - wenn Ludwig schon durch Helmut Berger, O.W. Fischer oder die eigenen Fantasien der Zuschauer belegt ist.
teleschau: Woran haben Sie denn - vor ihrem Film-Engagement - gedacht, wenn die Rede auf Ludwig kam?
Tambrea: An die üblichen Klischees - die Märchenschlösser, Wagner ... Aber ich hatte kein fundiertes Wissen über ihn.
teleschau: Hat es Ihnen nicht ein wenig Angst gemacht, einen so bekannten, einen "echten" Menschen zu spielen? Das ist ja doch etwas anders als eine historische Rolle auf dem Theater.
Tambrea: Der Unterschied liegt schon mal darin, dass eine Theaterrolle von 80 bis 90 Textseiten eingegrenzt ist. Wir hatten beim Ludwig-Film Material für 41 Lebensjahre. Daher lastet auf dem Film die große Verantwortung, diesem Menschen in einem Zwei-Stunden-Extrakt gerecht zu werden.
teleschau: Oft ist ja vom "verrückten" Märchenkönig die Rede. Im Film sieht man ihn differenzierter. Sollten Sie gerechter mit Ludwig umspringen?
Tambrea: Wir wollten das Bild von ihm zeigen, wie es der heutige Stand der Wissenschaft vorgibt. Und das hat mit Verrücktheit nichts mehr zu tun. Ich spiele einen überforderten Jugendlichen, der in eine Situation geriet, die er nicht tragen konnte. Der Film ist eine Metapher über das Erwachsenwerden - und das betrifft nicht nur Könige, sondern eben alle Menschen, die ihre Funktion in der Gesellschaft finden und erfüllen müssen. Ludwig war ein 18-Jähriger, der selbst noch nicht gefestigt war und dann zu viel Macht erhalten hat.
teleschau: Sind Sie denn eine Art Anwalt der Ludwig-Rolle?
Tambrea: Einen Anwalt braucht man nur, wenn die Figur verklagt wird. Ich bin eine weiße Leinwand. Jeder Zuschauer darf mich mit den Farben seiner eigenen Fantasie bemalen. Und jeder wird dabei hoffentlich etwas anders sehen.
teleschau: Unmittelbar nach der Krönungszeremonie gibt es im Film eine intensive Szene, in der Ludwig mit sich allein im Raum ist - und narzisstisch sein Spiegelbild küsst. Wie schwer fiel Ihnen, das zu drehen?
Tambrea: Bei so einer Szene sollten so wenige Mitglieder des Teams am Set anwesend sein wie möglich - schon allein wegen der Spiegel. Aber dann war das pures Theater. Ich bin sehr froh, dass mir die Regisseure zutrauten, einen sechsminütigen Monolog ganz allein zu interpretieren. Am Ende war es die schnellste Szene, die wir abgedreht hatten. Darauf war ich stolz.
teleschau: Werden Sie sich mit der großen Kinorolle eigentlich jetzt nach und nach vom Theater abwenden?
Tambrea: Niemals. Ich möchte auch in Zukunft Theater spielen. Außerdem kann man beides wunderbar verbinden.
teleschau: Kam Ihnen im Rückblick Ludwig eigentlich selbst wie ein Schauspieler vor?
Tambrea: Er war nicht der König - er musste ihn spielen. Zu Beginn jedenfalls ist er doch nur der Jugendliche, der an das Unmögliche glaubt.
teleschau: Wie kommt man denn an so eine Rolle, sie fällt ja nicht vom Himmel?
Tambrea: Es gab einen generellen Casting-Aufruf an alle Agenturen und Schauspielschulen. Gesucht wurde ein 1,93 Meter großer Mann, der Französisch sprechen und reiten kann. Eine diese Eigenschaften konnte ich erfüllen - die anderen zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
teleschau: Ihre Körpergröße?
Tambrea: Genau. Trotzdem hat meine Agentur mich vorgeschlagen. Es kam dann zu einem sogenannten E-Casting.
teleschau: Was muss man sich darunter konkret vorstellen?
Tambrea: Jeder der 370 Kandidaten sollte sich in zwei Szenen selbst filmen. Ich hab das einfach mit meinem iPhone gemacht.
teleschau: Und die anderen beiden geforderten Eigenschaften? So über Nacht wird man ja nicht zum Reiter.
Tambrea: Ich hatte vorher ein Pferd noch nie näher als aus 200 Metern Entfernung gesehen. Aus Ehrfurcht vor den anspruchsvollen Reitszenen, die das Drehbuch für mich vorsah, hatte ich mir in Berlin selbst eine Reitlehrerin gesucht, die enorm ehrgeizig war. Vier Monate lang saß ich vier Mal in der Woche vier Stunden lang im Sattel. Da habe ich dann alles gelernt, was mit Pferden zu tun hat.
teleschau: Das ist doch mal etwas, was man auch nach den Dreharbeiten für sich selbst mitnehmen kann.
Tambrea: Stimmt. Eigentlich hatte ich zuvor allerdings immer etwas Angst vor Pferden. Bei den wilden Reitszenen legte sich offenbar ein Schalter in meinem Kopf um. Ich sagte mir: Ludwig konnte reiten - also kann ich es jetzt auch! Es gibt aber einige Einstellungen, bei denen ich jetzt wieder ordentlich Respekt bekomme, wenn ich mich nun selbst auf der Kinoleinwand beobachte - auf einem Pferderücken.
teleschau: An vielen Schauspielschulen werden ja heute noch Fähigkeiten gelehrt, die für Normalsterbliche wie aus einer anderen Zeit wirken - etwa Fechten oder höfische Tänze.
Tambrea: So etwas ist Teil der Grundausbildung. Möglicherweise braucht man diese Künste danach nie wieder. Aber man lernt dabei, dass man sich neue Fähigkeiten schnell aneignen kann.
teleschau: Beeindruckend ist auch Ihre Haltung als König. Hilft da eigentlich der Hermelin-Besatz auf der Robe? Ist die Maske eine Stütze?
Tambrea: Diese Dinge helfen nicht nur, sie sind absolut unabdingbar für die Rolle. Auch Ludwig half es, ab dem Zeitpunkt König zu sein, als er in den prächtigen Mantel schlüpfte. Was unsere Maskenbildner und Ausstatter geschaffen haben, war eigentlich unbezahlbar.
teleschau: Aber so ein Königsgewand kann man nicht nach den Dreharbeiten abstauben - etwa als Bademantel?
Tambrea: Nicht wirklich. Und er würde gar nicht in meine kleine Berliner Wohnung passen.
teleschau: Sie haben also keinen Spiegelsaal zu Hause?
Tambrea: Der Einbau ist auch nicht geplant. Außerdem watscheln bei mir keine Schwäne herum.
teleschau: Mit den im Film omnipräsenten Wagner-Klängen haben Sie wohl eher nicht gefremdelt. Musik spielt doch auch in Ihrem Leben schon lange eine große Rolle.
Tambrea: Ich hatte mit 15 Jahren den Wunsch entwickelt, Dirigent zu werden. Als ich mich damals intensiv mit Wagners "Tristan und Isolde" beschäftigte, begriff ich, was für ein gefährlich schöner Kosmos seine Musik sein kann.
teleschau: Inwiefern?
Tambrea: Wagners Musik ist verführerisch und bietet für alle Seiten Projektionsflächen - auch für einen verliebten 15-Jährigen. Es ist alles drin, was in uns Menschen steckt.
teleschau: Sind Sie selbst denn so empfänglich dafür, sich von Musik wirklich noch berühren zu lassen?
Tambrea: Sie ist die Basis meiner schauspielerischen Arbeit. Ich komponiere selbst ein wenig - und baue mir für jede Figur, die ich spiele, eine Art Soundtrack. So kann ich das verstehen, was man mit Worten nicht ausdrücken kann.
teleschau: Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Tambrea: Bei der Probenarbeit entsteht über die Musik für mich eine Hilfe, in meine Figuren hineinzufinden. Das ist wie mit einem Parfüm: Wenn man das riecht, kommen doch auch sofort Erinnerungen an früher hoch. Musik ist wie ein Parfüm.
teleschau: Welche Musik inspirierte Sie dann zur Wagner-Welt der Ludwig-Rolle?
Tambrea: Gustav Mahler. Wenn Ludwig etwas später gelebt hätte, wäre er Mahler-Fan geworden - wie ich einer bin.
teleschau: Nichts Moderneres? Schalten Sie denn schnell das Radio aus, wenn die Charts kommen?
Tambrea: Wo denken Sie hin? Natürlich nicht. Die Mischung ist doch das Schöne an der Musik. Egal welche Musik - sie erzeugt Emotionen. Ich bin für jede Empfindung dankbar: Deswegen höre ich vieles - von Xavier Naidoo bis Rammstein. Meine Playlist ist lang.
Rupert Sommer









