Musik / Backstage

"Ich dachte, dass ich nie wieder singen würde"

feiert nach 17 Jahren ihr Comeback

Die amerikanische Sängerin Jennifer Warnes blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Mit gerade einmal 20 Jahren nahm sie ihr Debütalbum auf und bekam eine Rolle in der Hit-TV-Show "The Smothers Brothers Comedy Hour". 1971 nahm Leonard Cohen sie mit auf Tournee, was nicht nur zu einer tiefen Freundschaft mit dem kanadischen Poeten, sondern auch zu vielen gemeinsamen Projekten führte. In den 80er-Jahren landete Warnes dann ihre zwei größten Hits: Mit Joe Cocker sang sie das Duett "Up Where We Belong", mit Righteous Brother Bill Medley den Mega-Hit "(I've Had) The Time Of My Life" aus dem Film "Dirty Dancing". Doch Anfang des Jahrtausends wurde es still um Jennifer Warnes. Im Interview verrät die 71-Jährige, warum sie nach dem Tod ihrer Mutter mit dem Singen aufhörte - und weshalb sie mit "Another Time, Another Place", ihrem ersten Album seit 17 Jahren, noch einmal den Weg zurück auf die große Bühne wagt.

teleschau: Frau Warnes, wie kommt es, dass wir 17 Jahre lang nichts von Ihnen gehört haben?

Jennifer Warnes: Ach, es kam einfach das Leben dazwischen! Dinge, die nichts mit Musik zu tun haben. Ich habe eine große Familie, habe Los Angeles verlassen ... Und nach dem Tod meiner Mutter habe ich zu singen aufgehört.

teleschau: Warum?

Warnes: Es ist schwer zu singen, wenn man so aufgewühlt ist. Manchmal denke ich, dass es leichter wäre, wenn man ein bisschen oberflächlicher wäre, damit man nicht alles so intensiv fühlt, wenn man singt (lacht). Meine Mutter starb 2001, das Jahr der Anschläge auf das World Trade Center. Der Ton in der Kultur änderte sich damals sehr. Außerdem war ich nie davon getrieben, berühmt zu sein. Ich spüre die Veränderungen in unserer Welt sehr intensiv, und manchmal möchte ich dann einfach nur still sein und darüber nachdenken.

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teleschau: Hatten Sie in dieser sich verändernden Kultur auch das Gefühl, dass es für Sie keinen Platz mehr gibt?

Warnes: Es ist immer Platz für eine Sängerin. Ich singe in der Kirche, auf Hochzeiten und Beerdigungen. Ich singe für Freunde. Für diese Art von Arbeit ist in unserer Kultur immer Platz. Aber wenn man öffentlich Musik macht, muss man sicherstellen, dass das, was man macht, auch einen Nutzen für die Menschen hat. Zumindest mache ich mir solche Gedanken.

teleschau: Wie wuchs in Ihnen schließlich der Wunsch, doch wieder ein Album aufzunehmen?

Warnes: Innerhalb von nur 17 Tagen starben meine beiden Schwestern. Ich dachte, dass ich danach nie wieder singen würde, so sehr hat mich das ergriffen. Dann starb auch noch meine Managerin bei einem Autounfall. Es war eine schwere Zeit. Aber noch vor ihrem Tod hatte meine Managerin zu mir gesagt, dass sie glaubt, dass es gut für meine Seele wäre, wieder ein Album zu machen. Also rief ich Roscoe Beck an, der schon "Famous Blue Raincoat" für mich produziert hatte, und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, wieder mit mir zu arbeiten. Er sagte sofort ja, ich fuhr zu ihm nach Texas und zog in sein Gästehaus ein. Dabei stellte ich schnell fest, dass mein Herz durch das Singen zu heilen begann.

teleschau: Musik hat also wirklich etwas Heilendes?

Warnes: Musik ist wie Medizin. Deshalb nutzen wir sie auch in der Kirche. Sie ist Medizin für die Seele. Musik, Gebete und Gedichte berühren uns auf die gleiche Weise. Man kann das nicht erklären.

teleschau: Bei aller Trauer, die zur Entstehung Ihres Albums beitrug - wollten Sie, dass Ihre Songs auch Trost spenden?

Warnes: Absolut. Ich wollte nicht, dass das Album traurig, düster oder deprimierend ist. Es sollte nicht schwer sein, sondern ich wollte, dass es musikalisch ist.

teleschau: Sie singen darauf unter anderem Songs von Mark Knopfler, John Legend und Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder. Wie haben Sie die Stücke ausgewählt?

Warnes: Das sind alles Songs, zu denen ich zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens eine persönliche Beziehung habe. Ich kann nicht mehr voller Überzeugung die gleichen Songs singen wie mit 23, sondern wollte Stücke wählen, die zur jetzigen Zeit passen. Und die gut sind für Menschen, die das durchmachen, was ich selbst durchlebe: Veränderungen. Unsere Welt ist von großen Veränderungen geprägt.

teleschau: Sie haben an dem Album mit vielen Musikern und Weggefährten früher Tage gearbeitet, darunter eben auch Roscoe Beck. Kamen Erinnerungen an alte Zeiten hoch?

Warnes: Klar, Roscoe und ich kennen uns seit über 35 Jahren. Er steht mir sehr nahe, und es kamen viele Gefühle hoch. Roscoe war genau wie ich sehr gut mit Leonard Cohen befreundet, wir sprechen eine gemeinsame Sprache.

teleschau: Cohen spielte in Ihrer Karriere eine wichtige Rolle. Vermissen Sie seinen Rat?

Warnes: Ich vermisse es, ihn anrufen und eine Frage stellen zu können! Und ich vermisse es, den Zustand der Welt mit ihm zu diskutieren. Wir waren Freunde, seit ich 22 Jahre alt war. Ich vermisse die alltäglichen, kleinen Dinge. Was in Amerika passiert, ist so schockierend, dass ich darüber wirklich gerne mit ihm reden würde. Es gibt nur wenig Menschen in meinem Leben, die so artikuliert sprechen, wie er es tat.

teleschau: Was hat Sie beide sonst verbunden?

Warnes: Es ist schwer, in ein paar Worten unsere Beziehung zusammenzufassen, aber es war ein großes Geschenk in meinem Leben. Er war ein unglaublicher Mensch, wie jeder weiß. Cohen war ja 14 Jahre älter als ich, ich fragte ihn oft um Rat.

teleschau: Über das Alter einer Frau spricht man normalerweise nicht, aber Sie selbst hatten letztes Jahr einen runden Geburtstag ...

Warnes: Es ist, wie es ist, ich kann ja nichts daran ändern (lacht). Aber ich finde: Solange ich noch reden, laufen und sprechen kann, und solange meine Freunde noch mitmachen können - warum sollten wir nicht ein neues Album zusammen machen? Wenn man als Künstler geboren ist, bleibt man immer Künstler!

teleschau: Die Musik kam schon sehr früh in Ihr Leben, oder?

Warnes: In der katholischen Kirche, als ich ein Kind war. Ich konnte den Geist in mir spüren. Wenn ich sang, begannen die alten Damen in meiner Kirche zu weinen. Zunächst verstand ich nicht warum, aber mir wurde klar, dass es wohl etwas Gutes sein musste. Außerdem fühlte ich mich Gott sehr nah, wenn ich sang. Das war ein sehr beruhigendes Gefühl. Wenn ich mal einen nicht so guten Tag hatte, wusste ich: Wenn ich singe, würde ich mich besser fühlen.

teleschau: "(I've Had) The Time Of My Life" war einer Ihrer größten Hits und ist noch immer weltweit populär. Was bedeutet Ihnen der Song heute?

Warnes: Ich bin sehr stolz auf ihn. Das Geheimnis dieses Songs ist nicht unbedingt, wie er geschrieben, gesungen oder produziert ist, sondern es ist die Freude, die er transportiert. Es ist ein sehr fröhlicher Song. Und Freude brauchen wir in unserer Welt gerade so dringend! Ich glaube, deshalb mögen die Menschen diesen Song immer noch. Er sorgt dafür, dass sie sich gut fühlen.

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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