Musik / Backstage

Der privilegierte Dichter

veröffentlicht sein neues Album "Schöne Grüße vom Schicksal" (VÖ: 04.05.)

Der Mann ist außerordentlich klug. Ja, Heinz Rudolf Kunze weiß ziemlich viel. Aber ob es denn einen Gott gibt, da ist selbst er sich nicht sicher. Dafür hat er nun Schicksale erfunden. Auf seinem neuen Album "Schöne Grüße vom Schicksal" (VÖ: 04.05.) beschreibt er einige von ihnen - wie immer bei ihm eher fiktiv denn autobiografisch. Und vor allem: geistreich. Wobei, ganz so sprachlich ungezügelt wie früher gibt sich der Wort-Poet nicht mehr. Seit 37 Jahren ist HRK nun im Geschäft. Wäre er Lehrer geworden, wie einst geplant, stünde der 61-Jährige vor der Rente. Er aber hat noch Lust. Und Hoffnung.

teleschau: Sie haben Ihr Album "Schöne Grüße vom Schicksal" genannt. Das impliziert, es gäbe ein solches. Glauben Sie daran?

Heinz Rudolf Kunze: Ich bin ja so etwas wie Dichter. Ich kann mir also eines erfinden. Und es sind zwei Paar Schuhe, ob ich selbst an ein Schicksal glaube oder es meine Lieder tun.

teleschau: Und? Glauben Sie nun selbst daran?

Kunze: Ich habe in meinem langen Berufsleben viele Kollegen kennengelernt. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass die meisten Künstler an irgendeine Art von Schicksal, Fügung, Sinn, den lieben Gott oder was auch immer glauben. Entweder sind sie in einer wie auch immer gearteten Form gläubig oder zumindest abergläubisch. Künstler neigen dazu, doch eine Art von höherem Sinn zu unterstellen oder zumindest darauf zu hoffen. Und so bin ich auch.

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teleschau: Worauf hoffen Sie?

Kunze: Ich möchte mir vorstellen dürfen, dass das Ganze auf Erden doch irgendeinen Sinn hat, auch wenn ich ihn nicht erkennen kann. Aber mit der Vorstellung, dass wir alle nur eine zufällige Zusammenballung von Molekülen sind und das alles nur chemische und biologische Zufallsereignisse sind, könnte ich nicht leben. Ich möchte hoffen dürfen.

teleschau: Wer auf einen Gott hofft, wird auch mit ihm hadern ...

Kunze: Natürlich. Niemand kann so schön hadern wie gläubige Menschen mit ihrem Gott. Er ist auch eine dankbare Figur, weil es ein sehr einseitiges Gespräch ist.

teleschau: Aber Sie sind weiterhin Mitglied in der evangelischen Kirche?

Kunze: Das bin ich. Mit dem gleichen Argument wie Helge Schneider, der es so schön auf den Punkt brachte: "Man weiß ja nie." Ich wurde eben durch meine Eltern da hineingeboren. Meine evangelisch-christliche Identität gehört zu meiner historisch-geografischen geistigen Prägung. Auf jeden Fall bin ich kein leidenschaftlicher Atheist, sondern ein Sympathisant des Glaubens.

teleschau: Nur ein Sympathisant?

Kunze: Wenn ich mich als glaubenden Menschen bezeichnen würde, wäre das ein sehr hoher Anspruch.

teleschau: Hadern Sie selbst mit dem Schicksal?

Kunze: Nein. Das Wort ist im Deutschen eher düster besetzt, es klingt eher nach Verhängnis. Aber so ist der Titel nicht mehr gemeint.

teleschau: Das Album klingt ja tatsächlich mehrheitlich positiv, ja lustvoll.

Kunze: Das Wort gefällt mir. Es gibt auch Lieder darauf, die sich mit Vergänglichkeit beschäftigen, aber das ist meinem Alter entsprechend. Tatsächlich wird vieles eher schmunzelnd vorgetragen. Eher Ray Davies als Nick Cave, wenn Sie so wollen.

teleschau: Haben Sie momentan eine gute Zeit?

Kunze: Ja, das kann man so sagen. Ich bin sehr happy mit meiner Truppe, mit der ich seit einigen Jahren arbeite. Die Band hat sich sehr gut gefunden, menschlich und musikalisch. Dazu spielte ich in den letzten drei Jahren viele Solo-Konzerte, die mich sehr beglückt haben. Ich dachte immer: Ich kann so etwas nicht, und die Leute wollten das nicht hören. Aber das stimmte nicht. Also: Es geht mir gut, ich bin 61, körperlich ganz gut in Schuss. Geistig fühle ich mich bisweilen wie ein 21-Jähriger, voller Spieltrieb und Lust am Basteln.

teleschau: Wenn es das Schicksal mit Ihnen anders gemeint hätte, wären Sie womöglich Lehrer geworden, wie es mal Ihr Plan war. Dann wären Sie bald in Rente.

Kunze: Ich habe ein paar Freunde von früher, die das geworden sind. Manche von ihnen sehen schon ein bisschen grau und melancholisch aus. Da beruhigt es mich, dass es mit mir noch eine Weile weitergehen kann, sofern der liebe Gott und das Publikum es zulassen. Mein Beruf ist ein Privileg. Und der regelmäßige Umgang mit den Leuten, die mögen, was ich tue, hält mich jung. Wobei es schon etwas Beklemmendes hat, wenn ich daran denke, dass mir ein 71-Jähriger viel näher ist als ein 21-Jähriger.

teleschau: Fremdeln Sie manchmal mit der Art und Weise, wie 21-Jährige heute leben?

Kunze: Selbstverständlich, das bleibt mir nicht erspart. Denken Sie nur an die technische Revolution, in der wir uns befinden - das ist für meine Generation doch eine eher mühselige Sache. Allerdings ist das Wundern der Menschen, die ein reiferes Alter erreicht haben, über die Jugend ein durchgehendes Phänomen der Weltgeschichte. Es geht mir also nicht besser als den Generationen vor mir.

teleschau: Was halten Sie von den jungen deutschen Kollegen aus der Musik? Giesinger, Forster, Bendzko, Clueso - es gibt ja viele.

Kunze: Werten Sie es nicht als Feigheit, wenn ich als Erstes sage: Ein abschließendes Urteil traue ich mir da nicht zu. Ich höre sie einfach nicht umfassend genug. Allgemein kann ich mir nur eine Bemerkung nicht verkneifen: Als ich anfing, konnte man zwischen Ideal, DAF und Joachim Witt auf der einen Seite und dem deutschen Schlager auf der anderen klar unterscheiden. Heute ist das schwer geworden. Ich frage mich bei mancher Musik schon, ob das jetzt Deutsch-Rock, Pop oder schon Schlager ist. Es wird diffuser, und das irritiert.

teleschau: Dieses Schubladendenken wird sonst ja eher uns Journalisten vorgeworfen.

Kunze: Sie wissen doch, was ich meine. Es fehlt an Ecken und Kanten. Nehmen wir mal Annen May Kantereit aus, dann fehlt bei einigen das Sperrige, das Eigensinnige. Das kommt mir nach meinem Eindruck zu kurz bei vielen jüngeren Kollegen.

teleschau: Es kann ja nicht jeder ein Kunze sein, bei dem man weiß: Es kann ziemlich anstrengend werden.

Kunze: Das möchte ich doch energisch zurückweisen. So wäre es jedenfalls nicht gemeint. Ich möchte Leute gut unterhalten. Mit meinem Begriff von Unterhaltung halt ...

teleschau: Aber Sie machen textlich eher selten Begleitmusik.

Kunze: Ach, ich fände es toll, wenn jemand duscht und dabei die Americana-Nummer "Immerzu fehlt was" von meinem neuen Album hört. Aber klar: Es gibt natürlich Gründe für den Generalverdacht, was die jungen Kollegen betrifft. Sie haben es ohne Frage viel schwerer als wir damals. Und sie haben womöglich auch mehr Angst, etwas falsch zu machen. Die Musikindustrie ist nach den dramatischen Einbrüchen der Einnahmen sehr nervös geworden und hat sicher nicht mehr so viel Geduld mit jungen Künstlern. Es steht mir also nicht zu, darüber zu richten. Ich weiß nur: Damals, Anfang und Mitte der 80er-Jahre, war die Lage für uns sehr viel günstiger.

teleschau: Sie beschließen Ihr aktuelles Album mit dem Titel "Die ganz normalen Menschen", einer Hymne an eben diese. Sind Sie ein ganz normaler Mensch?

Kunze: (lacht). Das müssten Sie wohl besser die Leute fragen, die mich häufig sehen. Ich sage es mal so: Ein ganz normaler Mensch kann ich wohl nicht sein. Dafür ist mein Beruf zu bizarr und zu extrem. Aber mein Leben als Künstlerexistenz führe ich trotzdem sicher eher wie Thomas Mann und weniger wie Arthur Rimbaud. Ich bin diszipliniert, arbeite viel, habe normale private Gewohnheiten und versuche, dem irrsinnigen Beruf ein gewisses Gerüst zu geben durch meine bürgerliche Lebensweise.

teleschau: Es heißt, Sie schreiben Ihre Lieder sehr beamtig zwischen 9 und 17 Uhr.

Kunze: Das versuche ich. In dieser Zeit bin ich jedenfalls auf der Pirsch und warte darauf, dass mir was einfällt. Aber ich nehme mir Themen nicht vor - die kommen von alleine, die melden sich. Und erst beim Schreiben erlebe ich dann, wovon die Texte wirklich handeln.

teleschau: 1.500 Texte sollen es bislang sein, war zu lesen.

Kunze: Es müssten klar mehr sein, 4.000 bis 5.000 Texte sind es in Summe sicher.

teleschau: Sind Sie sicher, dass es wirklich so viel zu sagen gab?

Kunze: Ich hatte immer das Gefühl, dass ich die Texte machen musste. Der Spieltrieb ließ sich nicht unter Kontrolle bringen. Es war notwendig. Ob alles ein literarisches Prädikat verdient, sollen andere entscheiden. Ich musste es jedenfalls machen.

teleschau: Sie wechselten zu Universal und haben einen neuen Plattenvertrag unterschrieben.

Kunze: Ich war lange bei Warner, das ist die drittgrößte Firma, dann war ich bei Sony, das ist die zweitgrößte, und jetzt bin ich bei Universal, der größten. Ich habe mich raufgearbeitet (lacht). Das passiert eben, dass man mal wechselt.

teleschau: Aber man lässt Sie frei arbeiten?

Kunze: Ich kann tatsächlich von mir sagen, dass ich nie Probleme mit irgendeiner Art von Zensur hatte. Ich weiß, dass es das gibt, aber mich haben immer alle in Ruhe machen lassen. War wohl jedem klar, dass Versuche, mich zu begradigen, zu nicht überzeugenden Ergebnissen führen.

teleschau: Dennoch wird jede Plattenfirma von Ihnen einen Hit einfordern. Schon, um Promotion im Radio und im TV betreiben zu können.

Kunze: Diese Art von Druck mache ich mir selbst. Wer so lange dabei ist wie ich, versucht natürlich, auch mal Lieder zu schreiben, die im Radio eine Chance haben. Das ist einer der Wege, um meiner Klientel mitzuteilen, dass ich wieder da bin. Einige meiner älteren Hörer sind ja nicht ganz so affin, was neue Medien betrifft. Da muss man auch ältere Wege gehen.

teleschau: Zum Schluss: Schauen Sie immer noch so viel "SOKO"-Krimis im ZDF wie früher? Vor einer Weile durften Sie sogar bei "SOKO Wismar" mitspielen.

Kunze: Ja, schaue ich. Aber mit langsam abnehmendem Interesse, wobei ich immer noch nicht weiß, was an dessen Stelle treten soll.

teleschau: Das ZDF macht es ja mit den "SOKOs" so wie jeder mit erfolgreichen Formaten: Hat etwas Erfolg, wälzt man es so lange aus, bis es vorüber ist.

Kunze: Mit dem "Tatort" ist das ja nicht anders. Ich finde es nur immer schade, wenn sich die Filme so extrem in Düsternis und Grauen wälzen. Was das Fernsehen angeht, bin ich ein ziemlich normaler, spießiger Mensch. Ich möchte gerne unterhalten werden. Tagsüber lese ich so viele schwierige Bücher. Da will ich nicht auch noch am Abend schwierige Filme sehen.

teleschau: Beim "Tatort" gab es da in den letzten Monaten einige.

Kunze: Darum mag ich den Weimarer "Tatort" mit Christian Ulmen und natürlich Boerne und Thiel aus Münster. Es freut mich übrigens, dass sie auch beim Publikum so gut ankommen. Dann fühle ich mich mal für kurze Zeit mit der Mehrheit der Menschen verbunden.

Kai-Oliver Derks

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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