Musik / Backstage

"Manchmal will ich Sachen kaputtschlagen"

spricht über die anstehende "Planet Erde II"-Tour und den Raubbau an der Natur

Bei "Planet Erde II - eine Erde, viele Welten" gibt es die schönsten Bilder der neuen BBC-Naturdokumentation auf gigantischer LED-Leinwand zu bestaunen - live begleitet vom 80-köpfigen "The City of Prague Philharmonic Orchestra" samt Chor, mit der Musik von Oscar-Preisträger Hans Zimmer. Am 6. März startet die Tour in Hamburg. Moderiert wird der Abend von Dirk Steffens (50, "Terra X"), dem "Indiana Jones des ZDF". Im Interview erzählt er, warum die Show eine gute Sache ist.

teleschau: Herr Steffens, Sie haben als Naturfilmer zehn Jahre hinter der Kamera und 15 Jahre davor gearbeitet. Was fasziniert Sie an der Show "Planet Erde II"?

Dirk Steffens: Es sind die schönsten Naturaufnahmen, die es zurzeit auf der Welt gibt, und für mich ist es ein Fest, diese präsentieren zu dürfen. Das ist für einen Naturfilmer ungefähr so wie für einen Hollywood-Schauspieler, der die Oscars verleihen darf! Und zu meinem Erstaunen habe selbst ich mich bei einigen der Aufnahmen gefragt: Wie haben die das nur gemacht? Wie sind die da so nah rangekommen? Ich musste es mir erklären lassen.

teleschau: Aber sind die gezeigten Bilder nicht eine verkitschte Version der Wirklichkeit - auf niedlich und Happy End getrimmt?

Steffens: Es gibt zwei Arten von Tierfilmen, die ich wichtig finde: Das eine sind kritische Umweltreportagen, die auch so aussehen. Und dann gibt es den anderen Strang, der genauso wichtig ist, weil wir die Menschen ja erst mal für die Schönheit und die Einmaligkeit der Natur begeistern müssen - in möglichst tollen Bildern und schönem Rahmen. Nur wenn wir beides zeigen, haben wir eine Chance, etwas zum Positiven zu bewegen.

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teleschau: Wenn Sie beispielsweise für Ihre ZDF-Sendung "Terra X" in Vietnam über das brutale Geschäft mit Bären berichten, die qualvoll gefangen gehalten werden, um ihnen Gallensaft für die traditionelle chinesische Medizin abzuzapfen - kommt Ihnen da nicht selbst die Galle hoch?

Steffens: Klar, macht mich das wütend! Aber in dem Moment funktioniere ich quasi maschinengleich. Abends im Zelt oder Hotelzimmer holen mich die Bilder wieder ein. Dann habe ich sehr schlechte Laune. Aber ich bin von Natur aus auch ein positiver Mensch. Man muss Optimist sein, da es keine Alternative gibt und wir nur eine Erde und einen Naturraum haben.

teleschau: Wie hat sich Ihr Menschenbild verändert, dadurch, dass Sie beruflich mit so viel Übel konfrontiert sind?

Steffens: Ich bin oft fassungslos. Auf der einen Seite treffe ich Hunderte sehr engagierte Menschen: Dazu gehören Ranger, Wissenschaftler, Biologen, Umweltschützer und Personen, die in Privatinitiative etwas tun. Ich lerne also mehr positiv engagierte Menschen kennen als die meisten anderen. Das ist das Glück meines Berufs. Gleichzeitig gibt es diese vielen positiv engagierten Menschen nur, weil auf der anderen Seite eine riesige Zahl von Ignoranten steht, die genau gar nichts machen. Sonst müssten wir uns ja gar nicht engagieren.

teleschau: Wieso ist das so?

Steffens: Ich versuche mir das immer naturwissenschaftlich zu erklären. Der Mensch ist gleichzeitig egoistisch und fürsorglich, gut und böse. Dafür gibt es Gründe, die man evolutionär herleiten kann. Und wir müssen genau damit arbeiten, was wir sind und wie wir veranlagt sind. Das macht mich oft sehr traurig, manchmal auch richtig sauer. Es gibt die Momente, in denen würde ich gerne irgendwo hingehen und ein paar Sachen kaputtschlagen. Aber ich habe gelernt, dass das zu nichts führt. Denn nur das Miteinanderreden und das Herstellen von Kompromissen und Win-Win-Situationen hilft. Es bringt auch relativ wenig, wenn ich mich jetzt an irgendein Fabriktor kette.

teleschau: Das macht PETA ja auch schon.

Steffens: Ja, genau. Dann komme ich morgen einmal in die Nachrichten, und dann passiert gar nichts. Ich muss so lange an dem Fabriktor klingeln, bis die mir aufmachen. Und ich muss mich dann mit denjenigen in einen Konferenzraum setzen und so lange mit ihnen reden, bis wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, um gemeinsam langsam etwas zu ändern. Es ist frustrierend, es ist langwierig, oft auch langweilig, weil das Gespräche und Verhandlungen nun mal so mit sich bringen. Man muss sich mit Leuten umgeben, die man vielleicht gar nicht mag. Aber so, nur so, kommen wir voran, befürchte ich.

teleschau: Ist Donald Trump der Buhmann der Welt?

Steffens: Der Buhmann ist er schon, aber der kann weniger anrichten, als man denkt. Wenn man einzelne Bundesstaaten in den USA betrachtet, wie Kalifornien zum Beispiel, ist die Umweltgesetzgebung dort relativ gut. Und viele amerikanische Unternehmen verkaufen ihre Produkte ja auch international, also müssen diese sowieso gewissen Umweltstandards genügen - Trump hin oder her. Wenn Sie der Chef von General Motors sind und wollen in Europa Autos verkaufen, dann ist Trump gar nicht so wichtig. Der kann uns zwar nerven, der kann die Entwicklung verzögern, aber er kann zum Beispiel Klimaschutzpolitik nicht verhindern. Die Macht hat er nicht. Es sei denn, er fängt einen Atomkrieg an ...

teleschau: Wo stehen wir heute in Sachen Umweltschutz?

Steffens: Es gibt den modernen Menschen seit etwa 200.000 Jahren und unsere Vorläufer seit 2,5 Millionen Jahren. Die Evolution hat es von keinem Lebewesen je verlangt, weiter voraus zu planen als bis morgen oder zum nächsten Winter. Aber wir müssen das. Wir sind noch im Lernprozess und müssen uns Gedanken darüber machen, wie es in zwei oder drei Generationen auf der Erde aussehen soll und es unseren Enkelkindern ergeht. Das ist neu.

teleschau: Was ärgert Sie persönlich besonders?

Steffens: Spontan ärgert es mich am meisten, wenn ich sehe, wie Menschen Tiere ganz schlecht behandeln, aus Spaß quälen oder töten. Ich muss mich dann manchmal selber zurückhalten, um nicht handgreiflich zu werden. Grundsätzlich ärgert mich, wenn Menschen völlig gedankenlos handeln: beispielsweise morgens das Mettbrötchen essen, immer nur das billigste, und nie darüber nachdenken, was ihr Handeln eigentlich für Folgen hat.

teleschau: Wie schwer ist es, den eigenen Ansprüchen im Alltag gerecht zu werden?

Steffens: Ganz schwer. Am Ende bin ich natürlich genauso ein Umweltversager wie die meisten von uns. Aber man darf sich auch nicht verrückt machen oder den Selbstanspruch entwickeln, persönlich alles ändern und richtig machen zu müssen. Das führt dazu, dass man frustriert wird, aufgibt und gar nichts mehr richtig macht. Jeder jeden Tag eine Kleinigkeit, das wäre schon was.

teleschau: Welche war das bei Ihnen heute?

Steffens: Ich bin mit dem Fahrrad da. Und ich muss nachher noch in den Supermarkt, da greife ich dann zu den Produkten mit Bio-Siegel. Jeder von uns hat jeden Tag hundertmal die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Ich esse zum Beispiel fast nie Fleisch - weil ich gesehen habe, wie es produziert wird, und wegen der hohen Treibhausgas-Emissionen, die die Fleisch-Produktion mit sich bringt.

Daten der "Planet Erde II"-Tour:

6.3.2018 Berlin, Mercedes-Benz Arena

7.3.2018 Hamburg, Barclaycard Arena

9.3.2018 Hannover, TUI Arena

13.3.2018 Köln, LANXESS Arena

16.3.2018 Oberhausen, König-Pilsener-Arena

21.3.2018 Zürich (CH), Hallenstadion

22.3.2018 Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung

24.3.2018 Stuttgart, Schleyer-Halle

26.3.2018 Mannheim, SAP Arena

30.3.2018 Frankfurt, Festhalle

31.3.2018 Freiburg, SICK-Arena

1.4.2018 München, Olympiahalle

2.4.2018 Wien (AT), Stadthalle

Katja Schwemmers

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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