Musik / Backstage

"Ich bin anders geworden ..."

Die Toten Hosen veröffentlichen am 5. Mai ihr neues Album "Laune der Natur"

"Tage wie diese" hat auch Campino selbst noch nicht erlebt. Die Hosen machten plötzlich Volkspunk - vor Jahren, als die CDU, die Fanmeile in Berlin, Helene Fischer und er selbst auf dem Münchner Oktoberfest aus dem Feiersong einen Gassenhauer machten. "Ich bin diesem Lied saudankbar", sagt der Hosen-Sänger rückblickend, was manchen Edel-Punker überraschen mag. Aber Campino ist 54 und nicht mehr der von früher. Einen "Bruch im Leben" habe es nach seinem 50. Geburtstag gegeben, verbunden mit neuen Werten, neuen Zielen, neuen Sehnsüchten. Es folgten schwere Jahre für die Toten Hosen. Ihre neue CD "Laune der Natur" (VÖ. 5.5.) ist auch geprägt vom Tod zweier Mitstreiter. Viele Lieder beschäftigen sich mit Trauer, Verlust und Vergänglichkeit. Aber eben allesamt am Ende mit dem Kopf oben. "Ja sagen zum Scheiß" ... Es folgt ein Interview mit einem der größten deutschen Stars, das die Kanzlerin freuen dürfte!

teleschau: In welcher Stimmung ist dieses Album entstanden?

Campino: Es ist eine Art Tagebuch der letzten Jahre. Es hat bei uns im Umfeld ziemlich gekracht, unter anderem starben zwei Menschen, die uns sehr nahe standen. Die mit uns waren. Das spürt man natürlich.

teleschau: Die Themen Tod und Verlust finden sich in einigen Songs. Es geht auch um die Vergänglichkeit von Beziehungen ...

Campino: Auch das. Aber wir wollen die Leute nicht volljammern mit unseren Befindlichkeiten. Uns geht es um die Botschaft, das Leben zu zelebrieren, sich die Energie zu erhalten. "Ja" zu sagen zu all dem Scheiß.

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teleschau: "Bis zum bitteren Ende" hätte man dieses Album auch nennen können ...

Campino: Hatten wir leider schon, ansonsten wäre das aber fraglos auch ein geeigneter Titel gewesen.

teleschau: Nach dem ausnehmend erfolgreichen "Ballast der Republik": Gab es besondere Vorgaben für das neue Album?

Campino: Wir haben es über einen Zeitraum von zwei Jahren erarbeitet, die letzten zwölf Monate über mit Volldampf. Wir haben 475 Versionen von verschiedenen Liedern eingespielt. Songideen gab es also zuhauf. Uns war wichtig, keine Schere im Kopf zuzulassen. Alles war erlaubt - musikalisch wie textlich. Auf dem langen Weg zum Finale fallen dann viele Sachen von alleine durch den Rost - weil sie unseren Ansprüchen nicht genügen, zu langweilig sind oder aus anderen Gründen nicht passen.

teleschau: Wie hat der Tod von Manager Jochen Hülder Anfang 2015 und Ex-Schlagerzeuger Wölli im April 2016 das Gefüge der Band verändert?

Campino: Wir sind ein Stück zusammengerückt. Jochen Hülder war der erste und einzige Manager in meinem Leben. Und das wird er auch bleiben. Niemand von uns denkt daran, ihn zu ersetzen. Das ginge auch gar nicht, weil er Visionen und Denkweisen wie kein anderer hatte. Weit über das Tagesgeschäft hinaus. Noch heute sitzen wir in Bandbesprechungen und fragen uns immer mal, wie Jochen das alles sehen würde. Aber wir sind uns sicher: Er und Wölli würden von uns fordern, weiterzumachen und den Spaß am Leben nicht zu vergessen.

teleschau: Hat sich Ihre persönliche Sicht auf das Thema "Tod" durch die Ereignisse verändert?

Campino: Als Tabuthema kam der Tod für mich nie infrage. Er gehört zum Leben dazu. Ich war auch schon immer interessiert an Friedhöfen, überall auf der Welt. Dort lässt sich auch vieles über die Kultur von Ländern ablesen. Mexiko und Frankreich sind da gute Beispiele. Dem Tod sollte man mit offenem Visier begegnen. Er ist ja immer im Raum, darüber bin ich mir bewusst. Das macht mir den Umgang mit ihm leichter. Vielleicht kommt es bei mir auch hinzu, dass ich nach meiner Schulzeit in einer Nervenheilanstalt gearbeitet habe. Dort sind viele schöne und schlimme Dinge geschehen. Die Todessehnsucht war allgegenwärtig.

teleschau: Als Grenzgänger von einst wurden Sie sicher auch persönlich häufiger mit dem Thema konfrontiert.

Campino: Mag sein. Aber bis 40 geht man trotzdem mit diesem Selbstverständnis durchs Leben: "Mir passiert das nicht." Die Machtlosigkeit gegenüber dem Tod hat man bis dahin ja normalerweise selten erlebt. Aber wenn man davon mal berührt wurde, ändert sich das. Der Tod der Eltern ist so ein Einschnitt: Sie sind die Einzigen, die anrufen und fragen: "Bist du gut angekommen?" Wenn sie nicht mehr da sind, ist jeder ein Stück weit auf sich gestellt. Das prägt das restliche Leben.

teleschau: Wer ist jetzt das Korrektiv der Band?

Campino: Wir sind kein Jungshaufen mehr, der tägliche Betreuung braucht. Wir müssen auf uns selbst aufpassen und sind auch wirklich alt genug. Aber wir leben auch als eine Spur von Jochen Hülder weiter, er hat uns geprägt. Und so lange wir durchhalten, ist das alles auch sein Werk.

teleschau: Die letzte CD hat die Wahrnehmung der Band in Deutschland noch einmal ganz grundsätzlich verändert. Sie mussten sich fragen: Singe ich "Tage wie diese" beim Oktoberfest, auf der Fanmeile in Berlin? Darf es, wie geschehen, Volker Kauder singen beim Wahlsieg der CDU?

Campino: Ich kann nur sagen: Ich bin diesem Lied unendlich dankbar. Und mein größter Wunsch wäre es, noch einmal so einen Song zu schreiben.

teleschau: Obwohl es zu einer Art Gassenhauer wurde?

Campino: Mein Verhältnis zu dem Song lasse ich mir nicht von außen kaputtmachen oder beeinflussen. Ich habe zu jedem Lied meine eigene Bindung. Natürlich bringen wir Lieder auch in der Hoffnung heraus, dass andere sie abfeiern. Am Ende entwickeln sie immer ihr Eigenleben. Es wäre Unsinn zu fordern, dass sie nur all jene singen dürfen, die politisch auf unserer Seite stehen. Das Lied wurde von Sportlern gesungen, lief bei Hochzeiten, Beerdigungen, Wahlveranstaltungen. Schlagersänger haben es adaptiert, genauso wie andere Rockbands. Ich sehe es so: Was kann ein schöner Blumenstrauß dafür, wem er in die Hände gedrückt wird?

teleschau: Dennoch wäre früher ein Fraktionsvorsitzender der CDU doch sicher nicht auf die Idee gekommen, ausgerechnet einen Song der Toten Hosen zu verwenden. Vermutlich hätte er gesagt: "Die passen nicht zu uns." Wer ist da in den Jahren an wen näher herangerückt?

Campino: Es ist eine gesellschaftliche Vermischung der Dinge. In der Bundesrepublik der 80er-Jahre waren die Fronten noch klar. Die Jugend glaubte zu wissen, wer die böse Seite vertrat. Viele älteren Menschen waren noch im Zweiten Weltkrieg aktiv gewesen, der Generationenkonflikt in der Bundesrepublik war eine eindeutige Angelegenheit. Wer Freund und wer Feind war - das war offensichtlich für uns. Heute hat sich das gesellschaftlich anders entwickelt. Die Bundesregierung ist doch fast schon das Korrektiv, das Ausgleichende - die Institution, die versucht, die Extreme unter Kontrolle zu behalten und dafür zu sorgen, dass hier nicht der Volkszorn regiert. Dazu kommt: Der Schlips bei denen ist ab. Die versuchen, locker zu sein.

teleschau: Die Kanzlerin auch?

Campino: Wer von den normal denkenden Leuten heute ist denn nicht froh, dass sie da ist und den Job macht? Ich gebe zu: Noch vor ein paar Jahren hätte ich das sicher nicht so ausgedrückt: Sie steht für eine Grundfestigkeit und hält bei gewissen Fragen gut durch. Außerdem: Wer möchte bitteschön mit der Frau tauschen, die die größten Feinde im eigenen Lager hat?

teleschau: "Campino wählt die CDU!" Das wäre mal eine Schlagzeile!

Campino: Die werde ich Ihnen nicht geben. Aber ich habe auch nicht gesagt, dass ich sie nicht wähle. Ich sage: Das bestätige ich nicht - das ist ein Unterschied.

teleschau: Was bedeutet?

Campino: Lassen Sie es mich so sagen: Stand heute - wenn es in einer Direktwahl darum ginge, wer Kanzler werden soll, würde ich sie vielleicht wählen. Weil ich aktuell nicht sehe, wer es besser machen könnte.

teleschau: Sie selbst haben sich in Ihrer Jugend ja auch über den Begriff "Gegen ..." definiert. Eine solche Bewegung ist heute bei der Jugend kaum zu erkennen.

Campino: Es ging nicht immer nur darum, gegen etwas zu sein. Das ist zwar eine Zeitlang ok, aber letzten Endes ist es entscheidend, wofür man ist. Und da gibt es tausend Themen. Die jungen Leute von heute werden mit ganz anderen Dingen konfrontiert. An meinem Sohn (er ist 13, d. Red.) und seinen Freunden kann ich zum Beispiel erkennen, dass sie durchaus einen politischen Background haben. Sie sind HipHop-Fans, hören Kendrick Lamar und setzen sich mit den gesungenen Texten auseinander. Sie haben eine klare Einstellung - zu Trump und Erdogan zum Beispiel. Alle in seiner Generation reden über Politik. Ich glaube also nicht, dass die Jugend Gefahr läuft, nicht mehr politisch denkend zu sein. Es fühlt sich nur etwas anders an als früher.

teleschau: Aber echte Reaktionen auf die Ereignisse gibt es jenseits der sozialen Netzwerke doch kaum?

Campino: Die Reaktion wird kommen, wenn es notwendig ist, da bin ich sicher. Nehmen wir an, Europa drohte zu zerfallen. Es würde reagiert werden, auch mit mehr Aggressivität. Letztendlich sind wir zurzeit ja ein Land der politischen Mitte. Ein Stabilitätsfaktor in dem heute existierenden Europa. Gott sei Dank ist die Lage noch ruhig. Vielleicht gibt es deshalb noch kaum verschärfte Situationen auf den Straßen. Aber es gibt auch andere Beispiele: In Dresden läuft zeitgleich zur Pegida immer eine Gegenveranstaltung. Die riskieren jedes Mal, in dicke Schwierigkeiten zu geraten.

teleschau: Es gibt die Theorie, dass Donald Trump auch ein Segen sein könnte, weil er in der Menschen das Bewusstsein für den Erhalt von Demokratie und Toleranz neu erweckt.

Campino: In jedem Fall hat er zur Folge, dass sich die Amerikaner wieder politisieren, auch die Künstler. Das zumindest ist etwas Gutes.

teleschau: Sie werden im Juni 55 Jahre alt: Wie stellen Sie sich den 75-jährigen Campino vor?

Campino: Hoffentlich ist er gesund, hoffentlich ist er glücklich. Vielleicht erfüllt er sich den Traum seines Lebens und schreibt gerade ein Buch. Schön wäre auch, wenn er bis dahin auf Weltreise gewesen wäre. Aber es hat sich schon nach meinem 50. Geburtstag vieles verändert ...

teleschau: Wie meinen Sie das?

Campino: Rückwirkend erkenne ich da einen kleinen Bruch in meinem Leben. Ich bin anders geworden, auch von meiner Denke her. Mit 30, auch noch mit 40 gab es diese Kraft in mir: Man rennt durchs Leben, sucht nach Bestätigung, füllt seine Batterien mit der Anerkennung von anderen. Irgendwann hat sich das bei mir gedreht. Ich wollte versuchen, die Wertigkeit des Lebens im Inneren zu finden, eine Kraft von diesem "Innen" zu schöpfen und eben nicht mehr angewiesen zu sein auf die Kritik und den Applaus von anderen. Ich will jetzt, mit über 50, kein Hans Dampf mehr sein. Es wächst dieses Gefühl, ankommen zu wollen. Wenn du jung bist, willst du nur raus, raus aus deinem Umfeld, deinem Dorf, deiner Stadt, deinem Land. Aber irgendwann beginnst du zu schätzen, woher du kommst.

teleschau: Sie leben in Düsseldorf, aber auch in Berlin.

Campino: Ja, ich hab dort eine Wohnung. Aber ich werde kein Berliner. Niemals. Ich find Berlin nicht schlecht. Aber in meiner Heimat sind meine Schulkameraden, meine Freunde, meine Kneipen. Und überall der Klang meiner Sprache. Ich werde immer eindeutiger jemand aus Düsseldorf. Da will ich sein, woanders gehöre ich nicht hin.

Kai-Oliver Derks

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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