Musik / Backstage

Pop im Park

veröffentlichen am 19. Mai "One More Light"

Es war ein Richtungswechsel mit Ansage: Die beiden vorab veröffentlichten Songs "Heavy" und "Battle Symphony" machten klar: "One More Light" (VÖ: 12.05.2017) wird ein etwas anderes Linkin-Park-Album werden. "Pop" lautete das böse Wort, welches vielen über die Lippen ging und reichlich Zündstoff für Diskussionen bot. Frontmann Chester Bennington sieht die Sache dagegen gelassen. Ein Gespräch über Genre-Grenzen, Licht und Dunkelheit sowie die Vergänglichkeit der Jugend.

"Ja, ich bin immer neugierig darauf, was unsere Fans denken werden", gibt der Sänger vorsichtig zu Protokoll. Leicht gemacht haben es die einstigen Nu-Metal-Pioniere ihren Anhängern noch nie. Das Pendeln zwischen Mainstream und Experimentierfreude, zwischen Wut und Intimität ist Teil ihrer DNA, seit sie Anfang des Jahrtausends auf der internationalen Bildfläche durchstarteten. Dessen ist sich Bennington bewusst: "Die Art und Weise, wie die Menschen auf unsere Musik reagieren, ist eine polarisierende. Es gibt eine Hass- und Liebesbeziehung zu dem, was wir tun. Selbst unter unseren eigenen Anhängern. Frag Hundert von ihnen, was das Beste an der Band ist, was ihr Kern ist. Du wirst die unterschiedlichsten Antworten bekommen."

Besonders der Vergleich mit dem direkten Vorgängeralbum "The Hunting Party" (2014) bringt den Kontrast zum Vorschein: "Das Album war verdammt hart. Es beginnt damit, dass ich dich anschreie", erinnert sich Bennington und schlägt die Brücke zur aktuellen Single "Heavy". Das sei ein total anderer Geschmack. "Als wenn du denken würdest, du trinkst Wasser. Und dann merkst: Das ist Wodka." Aber ist der Song tatsächlich Pop im engeren Sinne? Oder nur eine entschleunigte, zurückhaltende Ausprägung des Linkin-Park-Spirits? "Wir werden in erster Linie mit uns selbst verglichen, nicht mit anderen Acts."

Bennington überlegt kurz und führt dann ein Beispiel ins Feld: "Lege unsere Platte neben, sagen wir mal ein Album von Selena Gomez. Das ist doch was komplett anderes." Schlussendlich zähle jedoch einfach, dass die Songs emotional verstanden werden, dass sie gefühlt werden können. Und es sei auch nicht so, dass Linkin Park bislang nur kraftvolle Nu-Metal-Songs auf die Welt losgelassen hätten. "'In The End', 'Shadow Of The Day', 'Breaking The Habit'", beginnt der Sänger seine Aufzählung. Und bricht nach einer Weile mit den Worten ab: "Ich könnte noch lange so weitermachen. Das sind alles Pop-Songs."

Zusätzlich Öl ins Feuer goss die Information, dass "Heavy" gemeinsam mit Justin Tranter und Julia Michaels verfasst wurde, welche Namen wie Justin Bieber oder Britney Spears in ihren Referenzlisten führen. Eine bewusste Provokation? Eher nicht. "Wir haben bereits mit einigen der weltbesten Songwriter gearbeitet", holt der redefreudige Sänger aus. "Die Leute müssen verstehen: Wir sind nicht in einer einzigen Schublade zuhause." Nicht umsonst sei ihr ursprünglicher Bandname "Hybrid Theory" gewesen. Die Message ist klar: "Ich weiß, es gibt da draußen einige dieser 'Genre-Rassisten'. Sie denken, wenn du für einen Popkünstler geschrieben hast, kannst du nicht für einen Rockkünstler schreiben. Aber das ist ziemlich engstirnig."

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Während draußen vor dem Hotelfenster die Sonnenstrahlen für Frühlingsgefühle in Berlin sorgen, wendet sich das Gespräch drinnen dunkleren Themen zu. "Heavy" macht zwar musikalisch seinem Namen keine Ehre, textlich aber durchaus. Und es ist nicht der einzige Song auf "One More Light", dessen Zeilen ein schweres Päckchen zu tragen scheinen. "Als wir das Album schrieben, machten wir alle persönlich einiges durch", beginnt Bennington und scheut sich nicht, ins Detail zu gehen. Es sei natürlich ein Unterschied, ob man innerhalb von vier Tagen drei Autounfälle hat, oder jemand an Krebs stirbt, der einem nahe steht: "Manches war eben sehr schwierig, anderes 'nur' stressig. Aber das alles füttert natürlich die Songs."

Allerdings seien Linkin Park durch all diese Dinge immer gemeinsam gegangen. Und die Musik spiegelt nicht unbedingt immer den Inhalt der Texte wider. "Sie hat etwas Positives, sie ist hoffnungsvoll", so die Umschreibung. Und den passenden Vergleich schiebt der Frontmann direkt hinterher: "Das ist, als wenn du im Frühling ein Grab besuchst und die schönen Blumen bemerkst, die daneben aus der Erde wachsen." Dann beginnt er zu singen. "Nobody Can Save Me" sei einer der Titel, in welchem dieser "emotionale Kampf zwischen dem aufbauenden Klang der Musik und der dunklen Natur der Texte" deutlich zum Vorschein komme. Bennington ist kaum mehr zu halten, seine Stimme erfüllt den Raum. Und darauf angesprochen, dass er in einem Interview konstatierte: "If it wasn't for music, I'd be dead", meint er lediglich: "Tja. Was wahr ist, ist wahr".

Die Musik ist indes nicht die einzige Branche, in deren Zusammenhang der Name Chester Bennington fällt. Seit über 20 Jahren ist er im Tattoo-Business aktiv, und auch als Schuhdesigner taucht der agile 41-jährige Amerikaner ab und zu auf. Das alles sind für ihn jedoch nur Nebenbaustellen: "Als ich mir 2015 ein Bein brach und eine Weile nichts wirklich machen konnte, realisierte ich: Es gibt meine Familie, und es gibt Linkin Park. Für diese beiden Dinge muss ich mir Zeit schaffen. Alles andere darf nicht mehr als Spaß sein."

Weise Worte aus dem Munde eines Menschen, der an diesem Tag so gar nicht wirkt wie jener Typ, welcher untermalt von harten Hymnen wütend dem Publikum entgegenschreit. Das Alter macht eben auch vor dem Nu Metal keinen Halt. "Wenn du jung bist, hast du dieses Gefühl: 'Hey, ich hab das ganze Leben vor mir, ich muss das und das und das machen.", erklärt er und schlägt dabei jedes Mal die Hände zusammen.

Es gebe diesen bestimmten Punkt im Leben, an dem die Erfahrung einen wissen lasse, ob man noch was aufzuholen habe oder eben nicht. Dann holt er aus: "Es gibt diese Phrase: 'Die Jugend wird an die Jungen verschwendet'. Und ja, das ist die Zeit, in der du die meiste Kraft hast, wieder aufzustehen, wenn Mist passiert. Du hast ein Maximum an Optimismus und unerkanntem Potenzial. Und du hast ein Maximum an Freiheit." Allerdings sei man als Kind nicht wirklich frei. Denn bei aller naiven Neugier fehle der Verstand eines Erwachsenen, fehle die Erfahrung. Der Wandel aber kommt: "Ich bin heute mehr an Bildung interessiert als damals, als ich dachte: 'Warum sollte ich etwas lernen? Ich habe Mädels, ich habe Drogen, ich habe Bands, ich habe Geschäftsideen, ich habe Autos, die ich fahren will und Schuhe, die ich kaufen will.' Jetzt sitze ich da und denke: 'Gibt es multiple Universen?'"

Am Ende bleibt festzuhalten: Der Wandel ist die Konstante. "Wir sind wie Seemänner", resümiert Bennington. "Wir haben ein Schiff, mit dem wir hinausfahren. Das macht uns Spaß. Was wir aber nicht machen, ist, auf eine Felseninsel zu fahren. Das Schiff zu zerstören und uns damit selbst für den Rest unseres Lebens an diese Insel zu fesseln. Wir lassen den Wind, der für die Kreativität steht, in unsere Segel blasen und uns wohin auch immer führen. Wir haben kein endgültiges Ziel. Wir sind auf der Reise."

Alexander Diehl

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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