Musik / Backstage

"Ich feiere nicht, ich eskaliere"

An Bord der "World Club Cruise", einem EDM-Kreuzfahrt-Festival auf dem Mittelmeer

An Bord der "Mein Schiff 2" prallen Welten aufeinander. In den Bars und Restaurants des Kreuzfahrtschiffs sitzen noch ein paar mitgenommene Metaller, schwer gezeichnet von fünf Tagen Dauerparty auf der gerade zu Ende gegangenen "Full Metal Cruise", während nach und nach neue Gäste an Bord kommen: ein Einhorn und eine Gruppe ehemaliger Studenten aus Bremerhaven, die mit bedruckten T-Shirts das zehnjährige Bestehen ihrer Freundschaft feiern. Eine Männertruppe in Adiletten und ein Mädchen, auf deren Jutebeutel "Ich feiere nicht, ich eskaliere" steht. Willkommen auf der "World Club Cruise" - eine Kreuzfahrt mit 2.000 Freunden elektronischer Musik.

Schon länger ist TUI Cruises mit Event-Reisen wie der "Full Metal Cruise", einer Schlager-Kreuzfahrt und dem "Rockliner" mit Udo Lindenberg höchst erfolgreich. Und weil die Elektro-Szene boomt, haben sie nun eben gemeinsam mit BigCityBeats - die Frankfurter Firma ist für das Elektro-Festival "World Club Dome" bekannt - die "World Club Cruise" ins Leben gerufen. Während es im Laufe der nächsten drei Tage von Mallorca über Barcelona nach Ibiza und zurück geht, stehen über 30 internationale DJs an den Plattentellern, darunter Echo-Gewinner Robin Schulz, Dimitri Vegas & Like Mike sowie Alle Farben.

Noch ein lautes Hupen aus dem Schiffshorn, dann sticht die "Mein Schiff 2" in See. Es riecht nach Sonnencreme, Meer und Energydrinks, und auf dem Pooldeck wird schon ordentlich gefeiert. "Das wird was ganz Großes", meint der 25-jährige Niclas, dessen Beine in einem aufblasbaren T-Rex-Kostüm stecken, womit er langsam zu den elektronischen Beats über das Pooldeck wackelt. "Später werden sich alle wünschen, dabei gewesen zu sein." Timon und Torge, beide 20, sind sich da noch nicht so sicher. "Beim Einchecken waren vor uns nur Leute mit grauen Haaren und Paare", sagt Torge. "Erst dachte ich, wir sind auf einer Seniorenfahrt gelandet."

Wenn die beiden wüssten! Auf normalen Kreuzfahrten liegt das Durchschnittsalter je nach Ziel und Jahreszeit zwischen 52 und 54. Bei der "World Club Cruise" sind die Gäste im Schnitt gerade mal 35. Die Passagiere sind bunt gemischt. Man trifft treue "World Club Dome"-Gänger wie Timon und Torge, aber auch Gäste in den 50-ern, die keineswegs aus Versehen hier sind, sondern abends stets mit am längsten durchhalten. Sogar ein Pärchen, das während der Reise Goldene Hochzeit feiert, ist an Bord.

Dank 207 Stunden Programm ist musikalisch für jeden etwas dabei. Eine grobe Faustregel ist schnell ausgemacht: Je weiter vorne auf dem Schiff man sich befindet, desto mehr rumst es. In der Outdoor-Bar "Außenalster" und der darunter gelegenen "Schaubar" gibt es meist entspannte Beats, zum Beispiel von Dre Guazzelli, Daniel Lopergolo oder Paul Lomax, die ihre Sets gerne mit Live-Gesang, Saxophon und E-Geige aufpimpen. In der "Teenslounge" und der Bar "Himmel und Meer" kommen derweil Fans härterer Sounds auf ihre Kosten, zum Beispiel bei Talla 2XLC und DJ Hell. Der Berliner DJ Alle Farben bringt die Gäste im großen Theater zum Tanzen. "Das ist schon außergewöhnlich, auf einem Schiff aufzulegen", sagt er danach. "Etwas ungewohnt ist das Schwanken. Ein paarmal hat's mich hinterm DJ-Pult fast umgehauen."

mehr Bilder

Für den größten Abriss sorgen Dimitri Vegas & Like Mike am ersten Abend. Nebelmaschinen hüllen das Pooldeck ein und über die LED-Screens flackern grelle Bilder, als die beiden zu einem Remix der "Fluch der Karibik"-Melodie zwei Flaschen Champagner verspritzen. Die Brüder aus Belgien sind derzeit so gefragt, dass sie nicht mal an Bord übernachten. Sie müssen noch weiter nach Asien, deshalb klettern sie nach ihrem Set per Strickleiter auf ein Lotsenboot. Hat es noch nicht gegeben, so etwas.

Zweieinhalb Monate plante BigCityBeats alles bis ins kleinste Detail, sogar die spanische Regierung musste zustimmen. DJs, das wird auf der "World Club Cruise" einmal mehr deutlich, sind längst die neuen Popstars. "Die Gagen entsprechen schon mal dem Preis eines Einfamilienhauses", verrät BigCityBeats-Geschäftsführer Bernd Breiter. "Die Leute sagen immer: 'DJs machen nix, außer ein paar Knöpfe drücken.' Stimmt schon - aber sie sind halt eine Marke. So etwas muss man sich erst einmal erschaffen."

Veranschaulichen lassen kann man sich dies am Seetag beim DJ-Workshop von Le Shuuk. Der Stuttgarter ist als Resident-DJ für den Radiosender BigCityBeats tätig und schreibt regelmäßig die Hymnen für den "World Club Dome". Beim Workshop verrät er, wie er seine Sets aufbaut: krasses Intro, dann Tempo etwas runter und am Ende noch mal aufziehen. Bass-House sei für ihn gerade "der Shit", verrät er.

Nicht nur Le Shuuk, sondern auch vielen anderen DJs kann man auf der "World Club Cruise" nahekommen. Robin Schulz lässt sich etwa beim Abendessen im Büffet-Restaurant blicken. "Mir hat das an Bord viel Spaß gemacht. Die Stimmung auf dem Pooldeck war super", sagt er. "Allerdings ging es meinem Tourmanager im Laufe der ersten Nacht nicht besonders gut. Gerüchten zufolge musste seine Kabine dran glauben, die Reinigungskräfte vom Schiff waren nicht begeistert. Der Grund dafür war aber keineswegs eine Seekrankheit oder schlechtes Essen ..." Wahrscheinlich ist er nicht der Einzige, dem es so erging. 1.400 Flaschen Sekt und 400 Flaschen Champagner gehen im Laufe der Reise über den Tresen, dazu 10.000 Liter Fassbier und 2.000 Flaschen Spirituosen.

Allen Vorurteilen zum Trotz macht es übrigens keineswegs den Anschein, als sei hier ein ganzes Schiff auf irgendwelchen Pillen. Im Gegenteil: Je weiter die Reise fortschreitet, desto netter wird's. Anfangs beobachtete Vorurteile zwischen Jung und Alt, zwischen Cool und Uncool, lösen sich auf. Man kommt ins Gespräch. "Gestern habe ich mit einem an der Bar gesoffen, der war mindestens 70 oder 75, aber echt cool drauf", erzählt Torge am letzten Abend. In Wirklichkeit ist sein Tresenfreund erst 58 und heißt Diego. Er sei "bis vor vier Jahren der typische Deutsche gewesen. Ich habe 30 Kilo mehr gewogen, bin nie in einen Club gegangen und hörte WDR2." 2011, erinnert er sich, haben er und seine Frau sich dann "neu erfunden". "Wir waren schon oft auf Kreuzfahrten, aber da war die Disco immer leer. Ich finde es toll, dass TUI sich jetzt diese Elektro-Kreuzfahrt getraut hat. Das ist mal etwas anderes."

Gut möglich, dass Diego und Torge sich nicht zum letzten Mal getroffen haben - eine zweite "World Club Cruise" sei laut TUI Cruises und BigCityBeats durchaus denkbar. "Wir wollen mit BigCityBeats immer Dinge tun, die nicht alltäglich sind", so Bernd Breiter. "Der 'World Club Dome' ist der größte Club der Welt, mit dem Club-Jet haben wir einen fliegenden, mit dem Club-Train den schnellsten Club - und nun einen schwimmenden Club. Wir haben noch viel vor!"

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel



CALVIN HARRIS FEAT. PHARRELL WILLIAMS, KATY PERRY

CD-Archiv

CD-Archiv

Suchen Sie in der Radio Leverkusen - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.

Ticketshop

Sichern Sie sich im Radio Leverkusen Ticketshop die Tickets Ihrer Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite