Zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum meldet sich die britische Popband Blue mit dem Comeback-Werk "Roulette" zurück. Und die Zeichen stehen auf Erfolg: Der Single-Vorbote "Hurt Lovers", der gleichzeitig Titelsong für den Film "Schlussmacher" von und mit Matthias Schweighöfer ist, platzierte sich auf Anhieb auf Platz sieben der deutschen Single-Charts. Was sich die vier Briten von ihrer Rückkehr erhoffen, erzählt Bandmitglied Simon Webbe (33) im Interview.
teleschau: Stimmt es, dass Sir Elton John Ihnen 2005 geraten hat, die Band aufzulösen, weil er ein Schwinden Ihrer Popularität kommen sah?
Simon Webbe: Das Gegenteil war der Fall! Er wollte, dass wir so lange wie möglich zusammenbleiben. Er war immer ein großer Unterstützer der Band. Wir selbst wollten uns trennen, so lange es noch läuft. Damals wurden Boybands so langsam uncool, Indie-Bands waren der Trend in Großbritannien. Wenn Blue länger zusammen geblieben wären, hätte es diese Reunion vermutlich nie gegeben.
teleschau: Vor einem Jahr haben Blue Großbritannien beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf vertreten und sind Elfter geworden. Bedauern Sie Ihre Teilnahme?
Webbe: Nein. Beim Televoting waren wir Fünfter, es war die Jurywertung, die uns runtergezogen hat. Für uns war die Teilnahme erfolgreich, denn wir haben nicht gepatzt, konnten erhobenen Hauptes dort rausgehen. Es ist doch so: Man braucht als Künstler eine Plattform, um sich präsentieren zu können. Egal, wie uncool andere den Song Contest finden, wir hatten ein riesiges Publikum, das nun wusste: Blue sind wieder da! Darüber hinaus waren wir natürlich auch stolz, unser Land dort vertreten zu dürfen.
teleschau: Und nun machen Blue gemeinsame Sache mit deutschen Filmstars ...
Webbe: Von Eurovision zum Film "Schlussmacher" mit Matthias Schweighöfer - das ist doch ein guter Sprung! Und Matthias ist so ein witziger Typ. Es ist eine absolute Ehre für uns, Teil des "Schlussmacher"-Projekts zu sein. Anfangs wollte Matthias für das Video zu "Hurt Lovers" nur Regie führen, dann spielte er auch noch mit. Er outete sich als großer Blue-Fan! Und nun ist er so was wie unser fünftes Bandmitglied.
teleschau: Es ist schon ungewöhnlich, wenn ein Typ in dem Alter sich als Blue-Fan zu erkennen gibt.
Webbe: Nun, wir sind die Boyband, bei der auch Männer offen zugeben können, dass sie sie mögen! Ich mochte damals Take That, aber ich behielt das schön für mich, weil ich dachte, es wäre etwas uncool. Aber wenn du älter wirst, ist es dir doch egal, was die Leute denken. Wenn ich nicht selbst schon in dieser Band wäre, würde ich uns auch mögen.
teleschau: Mit wem von Blue würden Sie flirten, wenn Sie eine Frau wären?
Webbe: Ich kann jedem von meinen Kumpels was abgewinnen. An Antony liebe ich den Humor. Lee ist frech, geht nach vorne und scheut kein Risiko. Und Duncan ist der ultimative Frauentyp: Er ist tiefsinnig und überdacht, hat viel Menschenkenntnis. Ja, wir alle zusammen ergäben wohl den perfekten Mann! Deshalb funktioniert es auch so gut mit uns als Band.
teleschau: Haben Blue auch eine schwule Fanbase?
Webbe: Ich denke schon. Wir sind bereits in diversen Schwulenclubs in Großbritannien aufgetreten und haben uns auch mal für das Cover eines Schwulenmagazins ausgezogen. Wir machen auch viel für die Aids-Stiftung von Sir Elton John. Aber für uns spielt es keine Rolle, ob gay oder straight. Hauptsache, die Musik bringt Leute zusammen. Das ist das eigentlich Tolle an dem, was wir tun.
teleschau: Was erwarten Blue vom zweiten Anlauf?
Webbe: Ach, wir erwarten gar nichts, wir hoffen nur, dass wir die Verbindung zu unseren Fans wieder aufnehmen können. Sie sind mit uns älter geworden. Viele von ihnen haben heute eigene Familien. Vielleicht können sie auch ein gutes Wort bei ihren Kindern für uns einlegen.
teleschau: Take That haben immerhin vorgemacht, wie aus einer Boyband eine erfolgreiche Männerband werden kann.
Webbe: Unsere Geschichte ist anders als die von Take That. Bei ihnen gab es von Anfang an den Hype darum, ob Robbie mitmacht oder nicht. Wir haben indes unsere Soloalben gemacht und Theater gespielt. Das sind Erfahrungen, die uns gestärkt haben. Letztendlich muss aber die Musik für sich sprechen. Take That kehrten mit der großartigen Single "Patience" zurück, und wir haben mit "Hurt Lovers" nun selbst einen tollen Song am Start.
teleschau: Gibt es bei Blue auch einen Gary Barlow, der in der Bandpause an Gewicht zugelegt hat und von Selbstzweifeln heimgesucht wurde?
Webbe: Das war dann wohl ich! Nachdem ich mein Solodebüt herausgebracht hatte, plagten mich Ängste, alleine auf die Bühne zu gehen. Ich dachte, ich wäre für die Leute sowieso nur interessant wegen Blue. Es war hart, sich auf die neue Situation einzustellen. Ich fing an zu trinken und verkroch mich immer öfter in meinem Haus. Es brauchte die Jungs von Blue, mich da wieder rauszuholen. Und ja, ich legte auch an Gewicht zu. Aber ich mache gerade ein Herbalife-Programm, das mir hilft, den Bauchansatz loszuwerden.
teleschau: Momentan räumt die englische Boyband One Direction weltweit ab. Mögen Sie die?
Webbe: Klar. Es wurde ja auch höchste Zeit, dass eine britische Boyband der Musikindustrie wieder zeigt, wie es geht. One Direction machen Boybands wieder cool. Ihre Stylistin, die auch uns in unseren Anfängen zur Seite stand, meinte neulich zu mir, dass sie die Jungs sehr an Blue erinnern würden - wegen der Typen, der Einstellung, dem Spaß an der Arbeit und dem Schabernack, den sie treiben würden. Ich freue mich über ihren Erfolg und bin als Brite auch ein bisschen stolz auf sie.
teleschau: Ihre Cousine ist Keisha Buchanan von den Sugababes, die sich auch gerade wieder in der Original-Formation zusammen gefunden haben. Ist das Timing Zufall?
Webbe: Absolut! Ich freue mich schon auf das neue Material der Sugababes. Ich bin sowieso recht stolz auf meine musikalische Familie. Haben Sie jemals von Salt-N-Pepa gehört? Pepa ist ebenfalls meine Cousine!
teleschau: Sie selbst haben in der Bandpause drei Soloalben herausgebracht. Vermissen Sie nicht die Freiheiten?
Webbe: Es war auf jeden Fall schön, als Solist Erfolge zu haben. Aber gleichzeitig muss ich sagen, dass ich mich mit den Jungs zu Hause fühle. Das hier sind meine Freunde. Momentan will ich nur Dinge tun, die Blue unterstützen. Ich habe wieder Schauspielangebote bekommen, aber die würde ich nur annehmen, wenn Blue in den Soundtrack oder sonst in irgendeiner Weise in den Film involviert wären. Dass wir als Einzelpersonen in der Zwischenzeit alle einen Crashkurs im Entertainment-Business gemacht haben, kommt Blue hoffentlich zu Gute. Wir nehmen diesmal so viel wie möglich selber in die Hand. Das ist auch der Grund, warum das Album "Roulette" heißt: weil wir diesmal zocken!
teleschau: Erst hieß es, Sie hätten mit Bruno Mars und Ne-Yo zusammen gearbeitet ...
Webbe: Lee hat tatsächlich einen Song mit Bruno Mars geschrieben, der "Black And Blue" heißt. Lee spielte ihn uns vor, aber er passte einfach nicht zum Rest der Platte. Ähnlich war es mit Ne-Yo, der hatte auch einige Tracks für uns, aber auch die passten nicht. Denn dieses Album ist viel reifer, und wir wollten es überwiegend selber machen. Auf die Art haben wir vor 13 Jahren mit Blue auch angefangen.
teleschau: "Roulette" klingt streckenweise sehr tanzbar.
Webbe: Ach, eigentlich hat dieses Album Songs für jede Stimmung: Da sind Stücke, die dich dazu aufmuntern, auszugehen. Aber auch Lieder, die man gut im Auto auf dem Weg zur Arbeit hören kann. Da ist für jeden etwas dabei. Und speziell auch für Typen, die nicht wissen, wie sie mit ihrer Frau umgehen sollen. Denn viele Männer denken, sie müssten ihrer Liebsten nicht sagen, wie besonders sie ist. Wir Typen vergessen das oft, weil wir denken, die Frauen wissen das ohnehin. Der Track "Without You" ist diesbezüglich selbsterklärend.
Katja Schwemmers





