In Irland sind sie bereits Superstars, nun versuchen The Script auch in Deutschland, ihre Karriere voranzutreiben. Das Trio bekommt bei seinem Vorhaben prominente Hilfe: Til Schweiger suchte sich Musik aus dem gerade veröffentlichen Album "#3" der Pop-Band für den Soundtrack zu seinem neuen Kinofilm "Kokowääh 2" (Start: 7. Februar) aus. Doch Mark Sheehan, Hauptsongwriter und Gitarrist von The Script, plagen weit größere Sorgen als das Erklimmen der deutschen Charts. Das Gespräch dreht sich also nur am Rande um Til Schweiger: Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Irland und wie Mark Sheenan seinen Landsleuten hilft.
teleschau: Mr. Sheehan, wie kam der Kontakt mit Til Schweiger zustande?
Mark Sheehan: Tils Freundin spielte ihm den Song "Breakeven" von unserem Debüt vor, und er verliebte sich sofort in unseren Sound. Als er sich mit der Planung für "Kokowääh 2" auseinandersetzte, kam er auf uns zu. Til ist ein richtiger Kontrollfreak. Er gibt ungern Dinge, die seine Projekte betreffen, aus der Hand und beschäftigt sich sehr viel mit Musik. Und dass er unsere Songs für seinen Film haben wollte, ehrt uns natürlich.
teleschau: In Ihrer Heimat Irland sind Sie bereits richtige Superstars, in Deutschland gelten Sie noch als Geheimtipp. Sehen Sie "Kokowääh 2" als Chance für den Durchbruch?
Sheehan: Ich würde lügen, wenn ich das Gegenteil behaupteten würde. Wir waren schon regelrecht enttäuscht, dass die deutschen Musikfans uns keine Aufmerksamkeit schenkten, da ich persönlich ein großer Deutschland-Fan bin und mich hier auch gerne aufhalte. Til Schweiger und sein Film geben uns die Möglichkeit, The Script einem großen Publikum zu präsentieren. "Kokowääh 2" ist noch nicht mal draußen, und doch schießen die Single-Verkäufe von "Hall Of Fame" nur wegen dem Trailer bereits in die Höhe.
teleschau: War Ihnen der Name Til Schweiger vor der ersten Kontaktaufnahme schon ein Begriff?
Sheehan: Ja, auf jeden Fall. Alleine seine Rolle in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" war super, und auch sein Auftritt in "King Arthur" begeisterte mich. Als Til am Drehbuch zu "Kokowääh 2" schrieb, lebte er für vier Monate in der Nähe von Dublin im kleinen Städtchen Naas. Er machte oft Scherze über den Ort, da es dort seiner Meinung nach nur potthässliche Frauen geben würde (lacht). Ich sagte zu ihm, dass das große Problem in Irland sei, dass alle schönen Frauen in die Großstädte ziehen würden (lacht). Til hat einen unglaublichen Humor, und er ist ein absolutes Arbeitstier.
teleschau: Sind Sie auch ein Workaholic?
Sheehan: Manchmal arbeite ich wie ein Wahnsinniger, da sind vier Stunden Schlaf das absolute Maximum.
teleschau: Darf man sich als privilegierter Musiker überhaupt über zu viel Arbeit beschweren?
Sheehan: Wenn ich meinen Musiker-Job als reine Arbeit betrachten würde, hätte ich damit wahrscheinlich ein Problem. Abseits der Bühne betrachte ich das ganze Drumherum schon als harte Arbeit, aber Musik ist mein Leben und dieses Leben macht mir tierischen Spaß.
teleschau: Erste größere Bekanntheit erlangten Sie dadurch, dass Ihre Songs für US-TV-Serien, wie "The Vampire Diaries" oder "Ghost Whisperer", genutzt wurden. Hegen Sie Ambitionen, nicht vielleicht mal einen kompletten Soundtrack zu schreiben?
Sheehan: Wir träumen schon davon, wir heißen ja auch nicht umsonst The Script (lacht). Wenn wir Songs schreiben, versuchen wir die Stimmung so filmisch wie nur möglich zu transportieren. Jedes Lied hat einen dramaturgischen Aufbau und wird erzählerisch gestaltet. Sollte die Chance bestehen, wären wir sofort dabei.
teleschau: Welche Art von Film zu Ihrer Musik passen würde, dürfte logisch sein …
Sheehan: Ja, das stimmt. Unsere Musik passt für die Art von Film, wie sie Til Schweiger dreht, einfach am besten. Sie basiert auf wirklich erlebte Geschichten und auf Personen, die wir trafen und persönlich kennen. Irland wurde von der Weltwirtschaftskrise sehr hart getroffen, was auch viele unserer Freunde betraf. Das floss natürlich in unsere musikalische Stimmung mit ein. Schlussmach-Filme wären das genau richtige Genre für uns (lacht).
teleschau: Wie schwer ist es für einen Popstar, in seine, von der Rezession schwer getroffene, Heimat zurückzukehren und seine Freunde wiederzusehen, denen es nicht so gut wie Ihnen geht?
Sheehan: Es ist ein hartes Gefühl. Als wir anfingen, Musik zu machen, hatten wir auch nichts. Freunde ließen uns auf deren Sofas schlafen und gaben uns von ihrem Essen ab. Sie fuhren uns sogar zu unseren Proben und ersten Auftritten und verlangten nie etwas zurück. Sie unterstützten uns, wie es ihnen finanziell möglich war, wunderten sich aber auch darüber, dass wir dem Musikertraum hinterherrannten und uns keine richtigen Jobs suchten. Deswegen ist es für mich wirklich schwer, dorthin wieder zurückzukehren. Unsere Familie und Freunde gaben uns alles, und wir sind nun diejenigen, die es besser haben als unsere Unterstützer. Ich sehe es als meine Pflicht an, meinen damaligen Helfern heute zu helfen.
teleschau: Beschränken Sie sich auf finanzielle Hilfe?
Sheehan: Nein. Wir versuchen, all unseren Landsleuten etwas zurückzugeben. In Irland halten wir die Ticketpreise so gering wie möglich, damit jeder die Möglichkeit hat, eines unserer Konzerte zu besuchen. Wir verdienen mit den Auftritten kein Geld, sondern möchten, dass die Fans einfach eine gute Zeit genießen können.
teleschau: Womit verdienen The Script das meiste Geld?
Sheehan: Mit unseren Auslandstourneen. Das Musikgeschäft ist auch nicht mehr, was es vor zehn Jahren noch war. Wenn man unsere verkauften Alben und Singles der vergangenen Jahre zusammenrechnen würde, wären wir nach damaligen Stand Millionäre. Wir sehen das mittlerweile wirklich so: Unsere Musik ist eine Art Visitenkarte, damit unsere Fans zu den Konzerten kommen.
teleschau: Haben Sie eine Beziehung zur irischen Punkszene, die auf ähnlichen Tugenden aufgebaut ist?
Sheehan: Musikalisch haben wir nichts mit Punk gemein, doch wir teilen den gleichen Arbeiterklassenhintergrund. Ich wuchs in den Liberties, im Herzen von Dublin auf. Eine Arbeiterviertel durch und durch. Meine gesamte Familie lebt dort, und meine Verwandtschaft ist riesig. Mit Großeltern, Onkel, Tanten und deren Kindern kamen wir auf 24 Personen, die alle in den Liberties wohnten oder noch wohnen. Und wir besaßen für diese Großfamilie nur zwei Autos, viele meiner Verwandten sind sind immer noch auf Sozialhilfe angewiesen. Doch es gibt auch Gutes zu berichten: Erst kürzlich rief mich mein Bruder an und erzählte mir, dass er nach London ziehen würde. Er ist gelernter Straßenarbeiter und fand jahrelang keinen Job in Irland. In England hatte er nun mehr Glück.
teleschau: Das hört man doch gerne. An welchem Ort in Dublin sieht man die Auswirkungen der Wirtschaftskrise denn am ehesten?
Sheehan: Das ist ja das Schlimme: Überall. Die Infrastruktur ist in einem indiskutablen Zustand, die Straßen und Gebäude zerfallen, da das Geld für die Sanierung fehlt. Neu aufgezogene Wohnhäuser wurden mitten im Bau abgebrochen, die Arbeiter wurden entlassen und finden keine neue Jobs. Die Steuern stiegen, die Löhne fielen, ein absoluter Teufelskreis.
teleschau: Irland hat seit dem 1. Januar 2013 die europäische Ratspräsidentschaft inne. Hegen Sie Hoffnungen, dass sich das auf die Wirtschaft positiv bemerkbar machen könnte?
Sheehan: Die Politiker müssen etwas ändern, andernfalls geht das ganze Land zugrunde. Zuallererst sollte unsere Regierung zu sich selbst ehrlich sein und einsehen, dass sie uns in den Schlamassel reingeritten hat. Wenn ein Schiff zu sinken droht, schmeißt man ja auch den unnötigen Ballast über Bord, damit die Matrosen nicht ertrinken. Doch anstatt die Probleme anzugehen, häufen sie dem Land noch viel mehr Last auf. Irland schlittert immer weiter in die nächste größere Wirtschaftskrise. Die Politiker sacken große Boni ein und fahren schön in den Urlaub. Für das Volk bleibt nichts mehr übrig.
teleschau: Abseits der wirtschaftlichen Lage übt Irland eine große Faszination auf andere Nationen aus. Warum möchten so viele Leute irisch sein?
Sheehan: Gute Frage. Das liegt wahrscheinlich an unserem Whiskey (lacht). Wenn Leute über Irland nachdenken, sehen viele unsere berühmten Schriftsteller, Dichter und Songschreiber. Iren sind großartige Geschichtenerzähler. Auf unseren Pässen prangt eine Harfe als Wappen, so sehr lieben wir in Irland Musik. Die Leidenschaft für unsere Heimat fängt früh an: Fragt man Kinder in der Grundschule, wird niemand antworten, Astronaut oder Feuerwehrmann werden zu wollen. Sie wollen am liebsten ein Instrument in die Hand nehmen und musizieren. Oder dichten und Poet werden. Wörter haben eine große Bedeutung in Irland.
teleschau: Viele monieren den Sprechgesangeinsatz auf der Platte. Hätten Sie erwartet, dass "#3" so polarisiert?
Sheehan: So habe ich das nicht erwartet, nein. Aber wir hatten auch nicht vor, es mit dem Album jedem Recht zu machen. Ich schreibe Songs für mich, wenn Hörer diese toll finden, ist das gut für die Band und gut für mich. Die Rap-Anleihen sind meine Verbeugung vor dem Genre, ich liebe HipHop. Kritiker hatten schon immer ihre Probleme mit uns. Aber negative Werbung ist immer noch Werbung: Man beschäftigt sich mit unserer Musik.
Ben Hiltrop





