Man singt deutsch. Schon länger wieder - und nicht nur im Schlagerbereich. Es ist ein Pop-Trend, dessen Ende nicht abzusehen ist. Im Gegenteil: 2012 stammten 14 der 20 meistverkauften Alben hierzulande von deutsch(sprachig)en Künstlern und Bands. Sicher: Diese Zahl ist eine Momentaufnahme. Denn in diesem Jahr ist nicht mit neuen Alben von den Verkaufsschlagern wie den Toten Hosen, Unheilig, Xavier Naidoo oder Seeed zu rechnen. Aber die neue (Erfolgs-)Welle wird so schnell nicht abebben. Denn natürlich könnten pessimistische Nostalgiker Vergleiche zum Aufstieg und Fall der "Neuen Deutschen Welle" vor 30 Jahren ziehen. Aber ein kurzer (Rück-)Blick genügt, um festzustellen: Viele der damaligen Protagonisten mögen von der Bildfläche verschwunden sein, ihre Hits leben aber weiter.
"Völlig losgelöst von der Erde / Schwebt das Raumschiff / Völlig schwere-lo-ho-ho-ho-hos": Es sind Refrains wie diese, die von der NDW übrigblieben. Peter Schilling und sein größter Hit stehen in gewisser Weise sinnbinnlich für die knapp zwei Jahre andauernde Phase 1982/1983, in der ein neuer deutschsprachiger Pop die (ZDF-)Hitparade regierte. Denn wer erinnert sich heute noch an den Text von "Die Wüste lebt", der Nachfolge-Single zu "Major Tom"? Und gibt es Menschen, die das dazugehörige Album "Fehler im System" heute noch auflegen?
Ohnehin: Wenn man heute die nackten Zahlen betrachtet, relativieren sich die damaligen Erfolge. Selbst wenn man den Rockabilly-Pop der Spider Murphy Gang ("Skandal im Sperrbezirk") und den Austro-Rap von Falco ("Der Kommissar") mitrechnet, finden sich unter den erfolgreichsten 20 Hits dieser Jahre nur wenige Vertreter der Neuen Deutschen Welle: Trio ("Da da da"), Markus ("Ich will Spaß"), Hubert Kah ("Sternenhimmel", "Rosemarie"), Joachim Witt ("Der goldene Reiter"), Nena ("Nur geträumt", "99 Luftballons"), Geier Sturzflug ("Bruttosozialprodukt") und DÖF ("Codo"). Noch ernüchternder ist allerdings der Blick auf die Karrieren der einstigen NDW-Stars - wenn man von Nena und Joachim Witt absieht, die sich als ewig junge Pop-Oma respektive als Düster-Pop-Prophet später neu erfanden.
Peter Schilling etwa: Nach seinem Welthit ("Major Tom" eroberte in einer englischsprachigen Version auch die US-Charts) geht es bald bergab. Schon sein zweites Album "120 Grad" (1984) hält sich gerade mal eine Woche in den Top-100-Verkaufsrängen. Ende der 80er-Jahre leidet er am Burnout-Syndrom, zieht sich zwischenzeitlich von der Bühne zurück. Heute ist der 56-Jährige auch Buchautor ("Emotionen sind männlich", "Lustfaktor-Wellness - Das Wohlfühlmanagement für den Mann"), veröffentlichte zuletzt mit "Neu & Live 2010" ein Album, das sechs neue Songs, aber eben vor allem Konzertmitschnitte seiner größten Hits enthielt. Über deren Erfolg er sich allerdings bis heute freut, wie er 2011 in einem Radio-Interview berichtete: "Wenn ich an der Ampel stehe, aussteige und 'völlig losgelöst' singe, dann weiß jeder, wie es weitergeht und das ist ein schönes Gefühl."
Ähnlich verliefen die Biografien weiterer NDW-Protagonisten: Trio? Während die Band und ihr minimalistischer Dada-Pop heute als wegweisend gelten und Frontmann Stefan Remmler vom damaligen Ruhm (und den Tantiemen) zehren kann, lebte Trommler Peter Behrens zeitweise von Arbeitslosenhilfe. Hubert Kah? Nach den großen Hits rückte Hubert Kemmler, so sein bürgerlicher Name, ins zweite Glied, arbeitete mit Produzent Michael Cretu (Sandra) und litt Ende der 80er-Jahre an Depressionen. 2007 trat er in einem Kindermusical auf und arbeitet dem Vernehmen nach an einem neuen Album. Markus? Der Sänger zwar nie wirklich weg, dass er letztes Jahr mit "Heiter & Wolkig" ein Schlageralbum veröffentlichte, haben aber wohl die wenigsten mitbekommen. Seine Homepage listet bislang zwei Termine für 2013: in der Tanzbar "Hazienda" in Aspach (dem Wohnort von Andrea Berg) und in Urmitz im Landkreis Mayen-Koblenz. Geier Sturzflug? Auch hier spricht die offizielle Homepage Bände. Die Bochumer "Band", von der inzwischen nur noch Sänger/Gitarrist Friedel Geratsch übrig ist, besitzt nur eine Myspace-Seite: Sie verweist darauf, dass 2012 ein reines Download-Album namens "Wildwechsel" erschien.
Die ganze Neue Deutsche Welle also nur ein kurzer Spaß? Ja, aber ein Spaß. Und nicht nur das. Denn natürlich wurden Künstler vielfach grandios verheizt, als die Plattenfirmen spätestens nach "Da Da Da" feststellten, dass sich diese neuartige deutschsprachige Popmusik vermarkten lässt. Und viele der Retorten-Acts wie UKW, Fräulein Menke, Paso Doble und Gänsehaut sind auch zu Recht (fast) in Vergessenheit geraten. Aber: Hat jemals ein deutscher Künstler wieder so offen und wunderbar David Bowie gehuldigt wie Peter Schilling? Haben Geier Sturzflug nicht schon lange vor Burnout-Syndromen die absurden Anstrengungen der kapitalistischen Arbeitswelt treffend und ironisch skizziert? Ist "99 Luftballons" nicht heute noch eine Aufforderung, trotz Zukunftsängsten (damals der kalte Krieg) nie die Hoffnung zu verlieren? Eben.
Stefan Weber





