Die Toten Hosen, Unheilig, Adele, Xavier Naidoo: Vier der fünf meistverkauften Alben 2012 gehen auf das Konto von alteingesessenen Künstlern und Bands. Ein anderes Bild liefern die Single-Top-Fünf: Mit Michel Teló, Lykke Li, Gotye und Asaf Avidan konnten sich hier vier zuvor fast unbekannte Acts platzieren, deren Alben aber nicht annähernd so erfolgreich waren. Was lässt sich daraus ablesen, jetzt, da die gesamte Musikwelt nach den Newcomern des Jahres Ausschau hält? Erstens, dass der einzelne Radio- oder Youtube-Hit nicht genügt, um sich dauerhaft als Künstler zu etablieren. Und zweitens, dass Newcomer mit ihren Debüts bei der im Vergleich älteren Zielgruppe der Albumkäufer erst mal einen schweren Stand haben. Folgende fünf Acts sollten es 2013 dennoch schaffen, Hits zu landen, aber auch ein breiteres Publikum nachhaltig zu begeistern.
1. Haim
Die "Fleetwood Mac des 21. Jahrhunderts", "Musik, die Spaß macht", "erinnert stilistisch an die wilde Kim aus den 80ern": Bislang sind es nur vereinzelte begeisterte Kommentare, die das US-Pop-Trio Haim hervorruft - zumindest bei den Kunden diverser Download-Portale. Die internationale Musikkritik ist sich indes längst einig: 2013 wird das Jahr der Schwestern Este, Alana and Danielle Haim: Von Einflüssen wie Destiny's Child, The Strokes, Kate Bush und Britney Spears ist da zu lesen. Wenn die ersten Eindrücke durch die "Forever"-EP nicht trügen, dann wird auch ihr für Mai angekündigtes Debüt das große Potenzial von Haim zeigen: Sie verstehen es, fast jeden (Radio-)Hörer mitzunehmen, egal ob 70er-Softrock-, 80er-Pop- oder 90er-R'n'B-Fan - und ihre Mischung dennoch unerhört frisch klingen zu lassen. "Wir wollen einfach Spaß haben", erklärte Este, mit 26 die älteste Schwester, unlängst gegenüber MTV. Manchmal kann gute Popmusik tatsächlich so einfach sein.
2. Jake Bugg
Jake Bugg ist 18. Auf den ersten Blick nur einer von tausenden britischen Teenagern, die jedes Jahr eine Gitarre in die Hand nehmen. Er singt Zeilen wie "I drink to remember / I smoke to forget / Some things to be proud of / Some stuff to regret" - ein Schelm, der dabei nicht an die frühe Oasis-Hymne "Cigarettes & Alcohol" denkt. Und natürlich lässt er gerne seine Coolness raushängen, posiert auf Pressefotos schon mal lässig mit der Kippe in der Hand. Was Bugg dennoch zu einem außergewöhnlichen Phänomen macht? Der Singer/Songwriter aus Nottingham wirkt unaufgeregt und unverstellt. Er sagt Sätze wie "Ich wäre sehr gern in den 60er-Jahren geboren worden, das wäre meine Zeit gewesen" - und man glaubt es ihm. Vor allem aber hat er die zu dieser Aussage passenden, schnörkellosen Melodien: Mit seinen beatlesken Sing-a-longs ("Two Fingers"), Dylan-Hommagen ("Trouble Town") und Britpop-Songs mit Johnny-Cash-Drive ("Taste It") eroberte er im November bereits die Spitze der britischen Albumcharts. Und wenn sein Debüt Ende Januar auch hierzulande erscheint, werden nicht nur seine Altersgenossen, sondern auch gestandene Altrocker begeistert aufhorchen.
3. Leslie Clio
Retro-Soul ist und bleibt ein Erfolgsgarant. Folglich geht sie auch 2013 weiter, die Suche einer Nachfolgerin für Amy Winehouse, einer ernstzunehmenden Konkurrenz für Adele. Die heißeste Anwärterin kommt ausnahmsweise nicht aus Großbritannien, sondern aus Hamburg. Leslie Clio konnte mit "Told You So" bereits einen kleinen Charthit landen, Mitte Februar veröffentlicht die Newcomerin ihr Debütalbum "Gladys". Unter der Regie von Tomte-Gitarrist Nikolai Potthoff gelingt ihr dabei ein ungewöhnlicher Spagat: Ihre Songs sind eingängig, aber nicht einfältig. Die luftigen Arrangements erinnern an Großtaten der 60er-Jahre, wirken aber nie erzwungen authentisch oder plakativ. Es ist international chartfähige Soulmusik, die ihre Referenzen dem Hörer nicht mit dem Vorschlaghammer einprügeln muss. Leslie Clio zeigt Gefühle, singt von Liebeskummer, ohne mit größtmöglicher Inbrunst in ihr Bettlaken zu weinen oder die Drama-Queen zu geben. Sie ist unverkrampft, selbstbewusst und zuversichtlich - und das sollte sich auch auf Jung und Alt übertragen.
4. Kodaline
Die ersten Singles? Ohne Chartplatzierung. Das erste Album? Ein allenfalls mittelmäßiger Platz 54. So lautete 2000 die magere Bilanz von Coldplay in Deutschland. Und das obwohl Chris Martin und Co. damals in Großbritannien aus dem Stand mit "Parachutes" auf Platz eins der Albumcharts landeten. Bei U2 schaffte es hierzulande sogar keines ihrer ersten vier Alben, die Top 100 zu erreichen. Und vielleicht wird es Kodaline ebenso ergehen. Denn die Parallelen zu erwähnten Superstars sind offensichtlich: Das Quartett stammt aus Dublin, kennt sich teilweise von Kindesbeinen an und schreibt vor allem genau die mal euphorisierenden Gitarren-Rock-Songs und melancholischen (Piano-)Pop-Songs, für die man erwähnte Bands schätzt. Ohne sich an ihnen abzuarbeiten: Die Single "All I Want" etwa, von Google bereits für die Bebilderung ihres alljährlichen "Zeitgeist"-Clips auserkoren, trifft hingegen eine ähnliche Tonlage wie die Folk-Hymnen von Mumford & Sons. Ihr Album "In A Perfect World" erscheint in Großbritannien Mitte März, Deutschland wird wohl erst später nachziehen. Aber das muss eben nicht zwangsläufig und auf lange Sicht ein Nachteil sein.
5. OK Kid
Die deutschsprachigen Senkrechtstarter der letzten Jahre? Ein Teil des Publikums scharte sich hinter sensiblen Songwriter wie Tim Bendzko und Philipp Poisel, andere hinter Pop- und Rock-affine Rapper wie Casper und Cro. Das Trio OK Kid könnte es 2013 schaffen, beide Lager zu erreichen. Denn auch wenn ihr Name etwas arg großspurig auf zwei Radiohead-Klassiker ("OK Computer", "Kid A") verweist: Die Mischung aus gefühliger Pop-Poesie, anspruchsvoller HipHop-Soundästhetik und Trio-Dadaismus wirkt nur auf den ersten Blick konstruiert. Bei OK Kid trifft Weltschmerz auf Selbstironie, Songwriter-Tradition auf Pop-Moderne und ihr Song "Verschwende mich" - auch dank eines grandiosen Videos - schon mal voll ins Ziel. Das bislang noch unbetitelte Debütalbum der Band aus Gießen erscheint Ende März. OK Kid werden damit sicher nicht die Welt retten - aber sicher eine spannende Alternative zu all den Benzdko-Klonen und Ra(o)p-Clowns sein.
Stefan Weber







