Ein Mann, ein Piano, eine Stimme. Nicht große Show- oder Entertainment-Qualitäten, sondern seine musikalischen Fähigkeiten begeisterten die Zuschauer: Jean-Michel Aweh gewann im Dezember die RTL-Castingshow "Das Supertalent". Im Interview spricht der 20-jährige Sänger und Komponist aus Kassel über die oft kritisierte Castingshow, Dieter Bohlens Kunstverständnis und das Geschäft mit dem Schicksal der Kandidaten.
teleschau: Wie definieren Sie eigentlich Talent?
Jean-Michel Aweh: Ich tue mir schwer, Talent zu definieren. Hinter dem Begriff steckt für mich eine Menge Arbeit, Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen. Wer das alles hat, kann schon etwas.
teleschau: Allgemein wird unter Talent ja eine überdurchschnittliche Begabung verstanden.
Aweh: Stimmt, so wie die des kleinen asiatischen Jungen, der im vergangenen Jahr bei "Das Supertalent" aufgetreten ist. Der war erst fünf, konnte aber schon Mozart und Beethoven spielen. Das hat mich umgehauen. Das war für mich ein Talent.
teleschau: Wann dachten Sie denn zum ersten Mal: Ich habe Talent?
Aweh: Ich habe nie gesagt, dass ich Talent habe, nur dass ich Prozesse durchlaufen habe, in denen ich merkte, was ich machen muss, damit es auf der Bühne wie Talent wirkt. Als Talent oder gar als Supertalent würde ich mich gar nicht bezeichnen.
teleschau: Klingt ja nicht sehr selbstbewusst.
Aweh: Ich bin schon von mir überzeugt. Aber anstatt über meinen Status zu reden, rede ich jetzt lieber darüber, wie ich diesen Status erreicht habe. Ich möchte nicht, dass die Leute denken, ich wäre irgendwann morgens aufgewacht und konnte plötzlich Klavier spielen. Ich habe nämlich hart dafür gearbeitet, um heute dort zu stehen, wo ich stehe. Ich habe ganze Nächte lang geübt und geschrieben. Selbst in Lebensabschnitten, in denen ich Geld für etwas zu essen brauchte, schrieb ich Lieder darüber, dass ich nichts zu essen habe.
teleschau: Was trieb Sie in den schlechten Zeiten an?
Aweh: Die Hoffnung, dass ich meine Botschaften irgendwann der breiten Masse anbieten könnte. Und dass diese mich verstehen und meine Texte fühlen würde.
teleschau: Musste es eine Castingshow sein, um die Masse letztlich zu erreichen?
Aweh: Musste es nicht. Ich war überzeugt davon, dass ich es auch ohne Castingshow schaffen würde. Ich habe auch lange Zeit die Vorschläge von Freunden und Bekannten abgelehnt, zu einer Castingshow zu gehen.
teleschau: Weshalb?
Aweh: Weil ich Vorurteile gegenüber Castingshows hatte.
teleschau: Welche zum Beispiel?
Aweh: Ich konnte Castingshow-Teilnehmer nicht als echte Künstler wahrnehmen. Erst als ich, der ich als echter Künstler wahrgenommen werden will, selbst bei einer Castingshow mitgemacht habe, die einen bestimmten Ruf hat, konnte ich alles aus einer anderen Perspektive betrachten und reflektieren.
teleschau: Sie sprechen von einem "bestimmten Ruf" der Castingshow "Das Supertalent". Bei Kritikern genießt das Format aufgrund seiner Aufmachung oft den schlechtesten Ruf aller deutschen Castingformate.
Aweh: Parallel ist es aber auch das erfolgreichste deutsche Castingformat. Und das ist auch der Grund, warum es am meisten schlechtgeredet wird.
teleschau: Finden Sie, dass Erfolg immer etwas mit Qualität zu tun hat?
Aweh: Natürlich! Qualität ist die Voraussetzung für Erfolg.
teleschau: Vergleichen wir zwei deutsche Castingformate: "The Voice Of Germany" und "Das Supertalent". Bei welcher sehen Sie grundsätzlich eine höhere musikalische und künstlerische Qualität?
Aweh: Was die musikalische und künstlerische Qualität angeht, gibt es hier keine Unterschiede. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Shows ist: "Das Supertalent" ist eher für das Hartz-IV-Publikum, und "The Voice Of Germany" ist das Format für gescheiterte Existenzen und Comeback-Stars. Für diejenigen, die schon eine große Karriere hatten und in Vergessenheit geraten sind. Jede Castingshow hat ihr eigenes Konzept.
teleschau: Das Konzept von "Das Supertalent" basiert darauf, dass das Talent der Kandidaten teils in der Hintergrund gerückt und die Aufmerksamkeit auf die Lebensgeschichte der Kandidaten gerichtet wird. Wie finden Sie das?
Aweh: Das finde ich sehr gut! Weil dem Publikum dadurch die Möglichkeit gegeben wird, den Ursprung eines Talents festzustellen. Es wird erklärt, aus welcher Motivation heraus jemand auf die Bühne gegangen ist. Wenn mich ein Künstler interessiert, den ich nicht durch eine Castingshow kennengelernt habe, möchte ich auch wissen: Wo kommt der her? Wie ist der aufgewachsen? Wie schwer hat er es gehabt?
teleschau: Bei "Das Supertalent" scheint es jedoch Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme zu sein, dass zumindest der Cousin der Schwiegermutter des Kandidaten schon mal fast schwer erkrankt war.
Aweh: Das ist ein bisschen übertrieben. Man muss ja auch sehen, dass dort auch Musiker mit wirklich geringen musikalischen Qualitäten hinkommen. Wenn die dann gefragt werden, warum sie da sind, greifen sie natürlich in die Trickkiste und drücken auf die Tränendrüse. Man wird im Casting für "Das Supertalent" aber nicht gefragt, ob man irgendeine Mitleidsgeschichte hat.
teleschau: Wie schätzen Sie den Umgang mit Ihrer eigenen Geschichte in der Show ein?
Aweh: Sehr rücksichtsvoll, vorsichtig und menschengerecht. Niemand fragte danach, ob ich mal irgendwas gemacht und mich geprügelt habe. In den Interviews zur Show habe ich mich selbst auf ein persönliches Gespräch eingelassen. Ich fand es schön, deutlich machen zu können, was in meiner Vergangenheit passiert ist, und was letztendlich der Grund war, warum ich das Musikmachen begann. Und alles, was ich in den Interviews gesagt habe, ist die Wahrheit.
teleschau: Ihre Offenheit kam beim Publikum gut an. Viele Zuschauer riefen sicherlich auch deshalb während der Abstimmungen für Sie an: für den ehemaligen Schläger, der jetzt in einem Kerzenmeer am Klavier sitzt und Balladen singt.
Aweh: Auf der Bühne ist es wichtig, dass man die eigene Unsicherheit vollkommen ablegen kann. Und ich kann dort einfach eine bessere Leistung abgeben, wenn ich weiß, dass die Leute wissen, was ich durchgemacht habe und warum ich da auf der Bühne stehe. Wenn ich weiß, dass sie mich verstehen. Dieses Gefühl, dass die Leute mich bereits kennen, ist sehr angenehm.
teleschau: Das setzt den Glauben voraus, dass auch jeder wissen will, was Sie durchgemacht haben.
Aweh: Ich gehe nicht davon aus, dass das jeder von mir wissen will. Viele wollen einfach, dass die Musik im Vordergrund steht. Aber es schrieben mir auch viele und gerade junge Menschen Nachrichten und erzählten mir, dass ich ihnen mit dem, was ich gesagt habe, sehr geholfen und Kraft gegeben hätte. Es ist doch so: Dieses Castingformat ist ein unglaublich großes soziales Projekt! Natürlich geht es nicht nur um Musik.
teleschau: Was Ihre musikalische Leistung während der "Das Supertalent"-Shows angeht, waren Kritiker geteilter Meinung. "Die Welt" etwa titelte einmal: "Aweh ist genauso mittelmäßig wie Bohlens Show". Wie stehen Sie dazu?
Aweh: Anfangs ärgerte ich mich, wenn ich so etwas gelesen habe. Aber immerhin stecken sie damit alle in einen Sack. Ungerechter wäre es gewesen, wenn sie geschrieben hätten: "Aweh ist gut, und der Rest ist scheiße."
teleschau: Finden Sie es generell richtig, dass bei "Das Supertalent" Talent daran abgelesen wird, ob Dieter Bohlen Gänsehaut bekommt oder nicht?
Aweh: Nein, überhaupt nicht. Dieter Bohlen entscheidet aber auch nicht, wie oft eine CD verkauft wird. Selbst wenn Dieter Bohlen etwas nicht mag, wird es immer Leute geben, die das anders sehen und hören wollen. Dieter Bohlen hat ein sehr klares und realistisches Kunst- und Musikverständnis. Er hat oft Recht mit dem, was er sagt. Zudem finde ich, dass seine Kritik sehr sanftmütig geworden ist. Früher ist sie eher mal beleidigend ausgefallen, zuletzt war sie gerecht und sensibel gegenüber den Musikern.
teleschau: Hat es Ihnen etwas bedeutet, dass Bohlen Sie als guten Sänger und Komponisten gelobt hat?
Aweh: Das hat mir Bestätigung gegeben. Ich bin ja auch davon überzeugt, dass das, was ich mache, gut ist. Ich höre meine CD selbst sehr gerne.
teleschau: Aber produzieren lassen wollten Sie sich trotzdem nicht von Bohlen.
Aweh: Man muss ja immer sehen, was notwendig ist. Ich hatte schon vor dem ersten Casting Musik aufgenommen. Und das Material, das vorhanden war, nahm ich später mit zur Plattenfirma, wir verbesserten es qualitativ und nahmen noch die zwei Coversongs aus der Sendung dazu - schon war das Album fertig. Das dauerte keine Woche.
Jean-Michel Aweh auf Deutschland-Tournee:
05.04., Neu-Isenburg, Hugenottenhalle
06.04., Köln, E-Werk
07.04., Mannheim, Capitol
10.04., Burglengenfeld, VAZ
11.04., München, Tonhalle
13.04., Stuttgart, Zapata
14.04., Dresden, Alter Schlachthof
19.04., Erfurt, Alte Oper
20.04., Berlin, Huxley´s
21.04., Osnabrück, Rosenhof
23.04., Kassel, Musiktheater
24.04., Bremen, Pier 2
25.04., Hamburg, Docks
26.04., Lingen, Emslandhallen
27.04., Oberhausen, Turbinenhalle
28.04., Hannover, Capitol
Erik Brandt-Höge





