Musik / Backstage

"Es gibt nur diesen einen Plan A"

Johannes Oerding veröffentlicht "Für immer ab jetzt"

Viele kennen ihn als den Freund von Ina Müller. Doch Johannes Oerding ist weit mehr als das: Der charmante Wahl-Hamburger liebt nicht nur die kesse Entertainerin. Nein, er liebt - und lebt - auch seine Musik. Mit "Für immer ab jetzt" (VÖ: 11. Januar) veröffentlicht der 32-jährige Singer/Songwriter bereits sein drittes Album. Beim Gespräch in den Räumen seiner Plattenfirma freut er sich sichtlich über sein neues Werk, plaudert aber auch ungeniert über die Ängste seiner Eltern, berichtet von seinen Erfahrungen in einem Schlachthof und verrät, warum er vermutlich niemals mit Freundin Ina Müller gemeinsam singen würde.

teleschau: Wollen Sie wirklich gerade "Einfach nur weg", wie Sie es sich in Ihrer Single wünschen?

Johannes Oerding: Jetzt gerade eigentlich nicht. Aber als ich den Song schrieb, befand ich mich in einer Phase, in der mir alles so ein bisschen über den Kopf wuchs. Das war letzten Sommer in Hamburg, als es nur regnete. Plötzlich gab es diesen kleinen Moment, an dem ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein! Ich muss jetzt einfach mal alles stehen und liegen lassen. Muss irgendwohin, wo ich nicht gerade diese Probleme habe, mit diesem Stress und diesem Wetter. So kam mir die Idee zu dem Song, bei dem ich mir schöne Orte vorstellte, an denen ich mich entspannen kann.

teleschau: Sind Sie dann tatsächlich einfach nur weg?

Oerding: Ja, eine Woche lang. Das Tragische ist aber: Ich bin so wahnsinnig rastlos, dass ich sofort wieder zurück wollte. Ich muss immer was machen, sonst werde ich total hektisch. Ich will immer dort sein, wo was passiert, will Leute antreiben. Ungeduld ist eine meiner größten Stärken (lacht).

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teleschau: Hat das mit Ihrem Beruf zu tun?

Oerding: Klar, als Musiker weißt du nie, was nächsten Monat passiert. In meinem jetzigen Status kann und ich will ich nicht einfach mal ein Jahr weg sein. Man muss dran bleiben. Denn wenn du zu lange weg bist, wirst du vergessen. Doch ich bin auch als Mensch so. Die Dinge etwas entspannter zu sehen, das muss ich noch lernen, und ich hoffe, dass es irgendwann auch noch kommt. Im Moment will ich einfach nur alles selbst kontrollieren - und bekomme schon Spitznamen wie "Johnny Kontroletti", weil ich immer das letzte Wort haben will.

teleschau: Auch Udo Lindenberg hat Ihnen einen Namen gegeben: Er attestierte Ihnen eine "Kehle aus Gold"!

Oerding: Das war damals total spannend: Ich spielte vor sechs, sieben Jahren zum ersten Mal mit meinem eigenen Zeug auf der Reeperbahn. Ich kam dorthin, rechnete mit nichts Bösem - und kriege dann so ein Feedback! Das ist ein Moment, der einen total motiviert. Dann denkst du dir: Geil, wenn der das so sagt! Man muss so was aber irgendwie immer erst von anderen hören.

teleschau: Sie gingen bisher einen recht klassischen Weg ...

Oerding: Ja, mein Werdegang ist tatsächlich old school. Aber um wieder bei Beispielen zu bleiben: Alle Bands, von den Beatles bis zu den Kings of Leon, mussten erst drei, vier Alben rausbringen oder zehn Jahre auf Tour sein. Sie spielten an jeder Gießkanne, um womöglich irgendwann den richtigen Song zu haben oder die richtige Tür zu öffnen. Ich glaube auch, dass dieser Weg der nachhaltigere ist. Man bindet die Leute länger an sich, gerade durch die Live-Auftritte. Und er fühlt sich für mich gesünder an. Wenn deine Karriere nämlich stetig und langsam wächst, verpackt man die ganze Geschichte besser. Man freut sich über die kleinen Etappen, ohne dieses Von-Null-auf-Hundert-Gefühl. Man entwickelt sich über die Jahre und kann das besser einordnen. Hoffe ich zumindest.

teleschau: Haben Sie den Eindruck, dass es erst durch das Bekanntwerden Ihrer Beziehung so richtig losging?

Oerding: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun. Natürlich gab es dadurch eine gewisse Aufmerksamkeit. Allerdings war das so nicht geplant. Und wenn es nach mir ging, hätte man das gar nicht gesagt. Man hat das eben nicht immer selbst in der Hand. Ich bin aber total glücklich damit, und habe den Eindruck, dass ich nach wie vor in erster Linie als Musiker wahrgenommen werde.

teleschau: Eigentlich geht es meistens um "die Frau von" und nicht "den Mann von" ...

Oerding: Da bin ich ziemlich emanzipiert. Es gibt immer Leute, die größer und besser und toller sind. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil: Das motiviert mich noch mehr!

teleschau: Geben Sie sich gegenseitig Ratschläge?

Oerding: Ich habe einen kleinen Kreis an drei, vier Leuten, dem ich meine Sachen immer zuerst vorspiele, und von dem ich mir eine Meinung einhole. Da weiß ich, dass sie ehrlich ist. Wenn man mit anderen Musikern arbeitet - so wie auch in meiner Beziehung -, kommt immer was Gutes raus. Man inspiriert sich gegenseitig. Zusammen singen werden wir allerdings nicht. Wir wollen nicht wie Cindy und Bert sein.

teleschau: Fiel bei Ihnen zu Hause nie der Satz: "Junge, mach was Gescheites"?

Oerding: Doch! Der fiel natürlich - wenn auch in einer anderen Form. Als ich sagte, dass ich Musik machen will, hieß es: Das kannst du doch als Hobby machen! Eine Meinung, die ganz klar durch Unwissenheit entstand. Die Skepsis hielt bei meinen Eltern auch so lange an, bis sie mich das erste Mal im Radio hörten. Danach war klar: Der hat schon gefunden, was er machen möchte. Allerdings denkt mein Vater bis heute, ich wäre so ein Halodri, der in sein Leben hineinlebt, um Geld bettelt und auf der Straße Musik macht. Deswegen steckt er mir auch immer noch 50 Euro Sprit-Geld zu, damit ich ja nach Hause komme. Das ist schon amüsant, man bleibt halt doch immer Sohn. Auch mein Bruder macht sich oft Sorgen, weil er glaubt, ich würde drogensüchtig irgendwo in Hamburg rumhängen. Das sind eben diese Klischeevorstellungen (lacht).

teleschau: Kommen sie denn zur Kontrolle?

Oerding: Auf jeden Fall haben wir regen Kontakt. Da wird schon mal kontrolliert (lacht).

teleschau: Sie stammen aus einem kleinen Dorf. Waren Sie dort als Musiker der Exot?

Oerding: Ich war immer der Typ, der Musik machte. Das war schon was Besonderes. Meine vier Geschwister machen zum Beispiel alle etwas völlig Normales: Es gibt drei Lehrer und einen Arzt. Aber im Prinzip war ich ein Dorfjunge, wie viele andere. Das war schon ein lustiges Leben. Man muss es aber schon in sich haben, dass man besonders geltungsbedürftig ist und immer im Mittelpunkt stehen will. Auch damals suchte ich mir schon immer meine Bühne.

teleschau: Wie passt da Ihr BWL- und Marketing-Studium rein?

Oerding: Wie das eben so ist: Da macht man sein Abi - und irgendwie musste es ja weitergehen. Damals wusste ich nicht, dass man Musik auch beruflich machen kann. Studieren wollte ich es nicht, denn ich wollte direkt auf die Bühne. Ich musste mir also was suchen, um eine Beschäftigung zu haben und meine Eltern zu beruhigen. Die meiste Zeit war ich aber schon in Hamburg, heimlich natürlich. Dafür ließ ich auch die ein oder andere Klausur ausfallen. Meine Diplomarbeit schrieb ich dann auch im Tourbus. Im Nachhinein bin ich sehr glücklich, dass ich das so geschafft habe. Ich bin aber auch glücklich, dass ich seit vielen Jahren nichts mehr damit zu tun habe.

teleschau: Denn wo wären Sie wohl heute?

Oerding: Das will ich gar nicht wissen! Das war immer der Plan B, aber seit fünf Jahren habe ich den nicht mehr. Es gibt nur diesen einen Plan A. Und ich wäre sehr aufgeschmissen, wenn irgendwas passieren würde. Wenn zum Beispiel meine Stimme weg wäre.

teleschau: Haben Sie sie versichert?

Oerding: Sagen wir es so: Ich habe eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Ich würde also nicht direkt auf der Straße landen.

teleschau: Vor allem, weil Sie sich auch für nichts zu schade sind: Sie haben einmal im Schlachthof gearbeitet.

Oerding: Genau genommen war das eine Firma zwischen Schlachthof und Gerberei. Dorthin kommen die frisch abgezogenen Felle von den Tieren, werden haltbar gemacht, gesalzen, gewogen. Diese Arbeit suchte ich mir nicht wirklich aus. Aber in unserem Dorf war das die einzige Möglichkeit, die Firma lag zudem nur 30 Sekunden hinter unserem Haus. Schon als 13-Jähriger machte ich dort die LKWs sauber - und ich wurde wahnsinnig gut bezahlt! Denn diesen Job wollte schließlich keiner machen. Ich war der einzige Deutsche mit 15 Russen, das war schon eine Erfahrung. Ich sage mal: Schön ist anders. Aber ich hoffe, es hat mich härter gemacht.

teleschau: Kostete Sie dieser Job mehr Überwindung, als ein Auftritt vor vielen Menschen?

Oerding: Auf jeden Fall! Klar bin ich auch auf der Bühne aufgeregt. Aber das ist das, was ich immer wollte. Es würde mir nie einfallen, zu sagen: Ich will nicht raus. Bei den Shows hole ich mir meine Adrenalinschübe. Ich muss nicht Bungee springen oder mit dem Fallschirm. Ich brauche kein waghalsiges Hobby mehr und kann zu Hause ein entspanntes Leben führen.

teleschau: Spielen Sie lieber vor vielen Menschen oder vor einem ausgewählten Kreis?

Oerding: Ganz ehrlich: Je mehr Leute, desto besser. Ich spüre dann eine ganz andere Energie. Aus Sicht des Zuhörers kann ich es natürlich total nachvollziehen, dass ein kleines Konzert etwas Besonderes ist.

teleschau: Wie fühlt es sich an, wenn die Fans Ihre Texte mitsingen?

Oerding: Das ist das Beste! Wenn sich Leute so sehr mit einem Künstler auseinandersetzen, finde ich das großartig.

teleschau: Würden sich die Menschen wiederfinden, um die es in Ihren Songs geht?

Oerding: Ich denke schon. Meistens ist es auch recht offensichtlich: Wenn ich über eine Trennung schreibe, wird das die entsprechende Ex-Freundin schon mitkriegen (lacht).

teleschau: Und ruft Sie danach noch mal an?

Oerding: Nein, um Gottes Willen!

Johannes Oerding auf Deutschland-Tournee:

14.02.2013, Recklinghausen, Vest Arena

15.02.2013, Köln, Gloria

16.02.2013, Karlsruhe, Tollhaus

17.02.2013, Saarbrücken, Garage

19.02.2013, Frankfurt, Batschkapp

20.02.2013, Mannheim, Capitol

24.02.2013, Freiburg, Waldsee

26.02.2013, Stuttgart, Longhorn

27.02.2013, München, 59to1

01.03.2013, Nürnberg, Hirsch

02.03.2013, Erfurt, HSD Gewerkschaftshaus

03.03.2013, Dresden, Scheune

05.03.2013, Leipzig, Werk II

07.03.2013, Magdeburg, Altes Theater

08.03.2013, Berlin, Postbahnhof

09.03.2013, Rostock, Mau Club

14.03.2013, Düsseldorf, Zakk

15.03.2013, Münster, Jovel

16.03.2013, Osnabrück, Rosenhof

17.03.2013, Wilhelmshaven, Pumpwerk

04.04.2013, Bremen, Schlachthof

05.04.2013, Hannover, Capitol

06.04.2013, Lübeck, Muk

07.04.2013, Flensburg, Max

11.04.2013, Braunschweig, Meier Music Hall

12.04.2013, Kiel, Halle 400

13.04.2013, Hamburg, Große Freiheit 36

Christina Zimmermann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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