Musik / CD

David Byrne: American UtopiaHurra, die Welt geht nicht unter

14 Jahre nach seinem letzten echten Solo-Album ("Grown Backwards") kündigte David Byrne Anfang Januar ein neues Album an, was die internationale Musikgemeinde in Euphorie versetzte. Ein Album des früheren Talking-Heads-Kopfes und Klassenspreches aller ironischen Kunst-Studenten ist eben auch 30 Jahre nach "Naked" eine kleine Sensation. "We're only tourists in this life", krakeelt der inzwischen 65-Jährige auf der Vorab-Single "Everybody's Coming To My House", einem vielschichtigen Funkloop. "Only tourists, but the view is nice". Doch der eigentliche Clou war: David Byrne meinte das ernst. In Zeiten täglicher politischer, gesellschaftlicher oder umweltschädlicher Klein-Apokalypsen verschreibt sich ausgerechnet David Byrne auf "American Utopia" dem Optimismus.

Es entbehrt dennoch nicht einer gewissen Ironie, dass der Titel des Album-begleitenden Weltverbesserer-Projekts "Reasons To Be Cheerful" ausgerechnet von Ian Durys gleichnamigem Song aus dem Jahr 1979 inspiriert ist - also von jener Pub-Rock-Ikone, die vor 40 Jahren dem hedonistischen Motto "Sex, Drugs and Rock'n'Roll" ein musikalisches Denkmal setzte. Für das Multimediaprojekt sammelte Byrne News-Schnipsel über positive Entwicklungen aus Klima-, Erziehungs- oder Sozialpolitik, um in Seminaren und Vorträgen sowie auf dem neuen Album auf das Gute in der Welt hinzuweisen.

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Und zwar mit sonnigem Funk, avantgardischtem New Wave oder theatralischem Industrial-Pop. Nach dem eher zaghaften Album "Grown Backwards" (2004) hatte Byrne unter anderem mit Big-Beat-Ikone Fatboy Slim die Möglichkeiten von Dancemusic- oder Sampling-Techniken auf LP-Länge ausgelotet, nun kombiniert er wieder Organisches mit Digitalem, Dur mit Moll, Synthies mit Harfen. Seinen typischen Schlager-Pathos entblößte dieses Mal Produzent Rodaidh McDonald, der auch für The xx und Kanye West schon am Mischpult stand. Ein Mann also, der "überwältigend" als die musikalische Steigerung von "groß" ansieht. "American Utopia" ist ein lupenreines Gutmenschen-Album, das Bob Geldof oder Bono neidisch machen würde.

Denn auch mit der 65. Kerze auf dem Geburtstagskuchen hat Byrne sich seinen Humor bewahrt, er ist kein Realitätsverweigerer. "Everday there is an unpaid bill", übersetzt er das hymnische Carpe-Diem-Motiv auf "Every Day Is A Mircale", dessen seichten Calypso-Pop auch Harry Belafonte besingen könnte. "Doing The Right Thing" schiebt sich neben "Perfect Day" oder "Life On Mars" gleich in die Reihe der Unschuldslamm-Klassiker, und "Here" empfiehlt zu Schlussstück-Fanfaren in Stadiongröße, endlich die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, um Bäume, Menschen und einfach mal die ganze Welt zu umarmen. Sie hat es auch bitter nötig.

Fionn Birr

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelAmerican Utopia
Bandname/InterpretDavid Byrne
Erhältlich ab09.03.2018
LabelNonesuch
VertriebWarner
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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