Musik / CD

Fayzen: Gerne allein"Ich will wissen, wer ich bin"

Mit 32 Jahren das Träumen aufgeben - es gibt Lebensläufe, die das verlangen. Irgendwann, so heißt es ja meistens, sollte man den Schalter umlegen, Verantwortung übernehmen, erwachsen werden. Davon singt und rappt Fayzen zum Auftakt seines zweiten Albums, im Song "Mondverlassen". Er nennt keine konkreten Gründe, keinen konkreten Anlass für den großen Schritt nach vorne. Was wohl auch damit zu tun hat, dass dieser dann doch noch nicht ganz vollzogen ist. Denn "Gerne allein" ist die Platte eines Suchenden, nicht die eines Angekommenen.

Alleine der Umstand, dass seine Eltern einst mit dem kleinen Farsad Zoroofchis, so Fayzens bürgerlicher Name, aus dem Iran nach Hamburg flüchteten, macht das erwünschte Ankommen schwerer als bei einfacheren Biografien. Doch ein Lamentieren über Integrationsprobleme, das ist nicht Fayzens Stil. Im autobiografischen "Herr Afshin" hört sich das Aufwachsen in der Hansestadt zwischen Bolzplatz, Sufis und HipHop sogar romantisch an. "Du wolltest, dass ich reich, dass ich Ingenieur werd / Doch ich hab mein Paradies gefunden, Papa, hör her!" - Und am Ende steht die Musik. Diese ist ohne Zweifel von der Melancholie persischer Folklore bestimmt, die Fayzen als Kind mit seinem privaten Musiklehrer, eben diesem Herr Afshin, erlernte.

Der Hamburger will bewegen, manchmal, so meint man, wünschte er seine Texte etwas nebulöser, als er es als Songwriter hinbekommt. Wenn er in Bildern spricht, wie in "Blumen im Kopf", rumpeln seine Zeilen unnötig. Seine sonstige Klarheit hat nichts Verwerfliches, nichts Anbiederndes. Dem muss er sich selbst noch klarwerden.

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Zum großen, eindringlichen Spoken-Word-Werk, das ihm vorschwebt, fehlt es zudem an der emotionalen Vielfalt. Dann müsste Fayzen auch mal schimpfen. Sich auch mal gehen lassen. Die vorgetragene Bierruhe strahlt zwar eine angenehme Wärme aus, doch alleine wird sie seiner vielgestaltigen Themenpalette nicht gerecht.

Erst beim vollwertigen "Outro", einem Rap-Track, kocht Fayzen auf höherer Flamme. Vielleicht sind der Sample-Beat dafür verantwortlich und die Drums. Sonst wird das Spoken-Word/Singer/Songwriter/Pop-Album musikalisch vor allem von Streichern, viel Klavier und Akustikgitarre, oft einem ganzen Orchester eingebettet. Im Großen und Ganzen ist das passend, die Grenze zu Schmalz und falscher Größe scheint allerdings angekratzt. Ein AnnenMayKantereit-Klon wie "Freunde" oder das im Refrain arg radiopoppige "Blumen in Kopf" sollen etwas Fahrt reinbringen, wirken aber zu gesteuert, zu durchdacht, zu geplant.

"Ich sehn mich nach dem Glück statt nach dem Sinn / Ich sehn mich nach dem Iran, ich will wissen, wer ich bin": In "Unschuldig" stellt Fayzen die eigene Selbstwahrnehmung den Fragen gegenüber, die womöglich ewig da sein werden. Vieles, was in seinem Kopf passiert, was er aufs Blatt und auf Band bringt, ist furchtbar interessant. "Gerne allein" hat gar wunderschöne und sehr gescheite Momente. Die Suche nach dem richtigen Ton, nach der Art der Überlieferung, geht allerdings Hand in Hand mit der nach dem Ziel, an dem er irgendwann mal ankommen will. Doch was gibt es Spannenderes als das Suchen?

Max Trompeter

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelGerne allein
Bandname/InterpretFayzen
GenrePop / Spoken Word
Erhältlich ab12.05.2017
LabelVertigo
VertriebUniversal
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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