Musik / CD

Tocotronic: Wie wir leben wollenGedankenbretter aus Pop-Plüsch

Als Tocotronic vor drei Jahren ihr letztes Album "Schall und Wahn" veröffentlichten, kletterte das Werk auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Und das, obwohl die ehemalige Hamburger Schule-Band in den letzten Jahren thematisch in einem eigenen Kosmos aus nerdigen Sounds, anspruchsvollen Theorien und komplexer Lyrik schwebte. Aber: Tocotronic binden eben ein sehr treues, immer noch musikinteressiertes Publikum an sich, das sich mit "Wie wir leben wollen" über ein neues Kapitel in der ewig interessant bleibenden Bandhistorie freuen darf. Die fast 70 Minuten und 17 Stücke lange Albumkeule beendet die raue, gitarrenlastige "Berliner Trilogie" und bricht auf zu den Popufern der Beach Boys und späten Beatles.

"Hey, ich bin jetzt alt / Hey, bald bin ich kalt / Im Keller wartet schon der Lohn / Ich war keiner von den Stars / Ich war höchstens Mittelmaß / Doch schwere Arbeit war es nicht für mich" - in den ersten Zeilen des Eröffnungsstückes "Im Keller" verrät Sänger und Texter Dirk von Lowtzow bereits vieles von dem, um was es auf diesem neuen Tocotronic-Werk gehen wird. Der Anfang-40-Jährige erzählt von den letzten 20 Jahren als Pop-Künstler, vom Zerfall des (Star-)Körpers und Ideen kommender Befreiung. Von Larmoyanz aber keine Spur. Stattdessen übt man sich in den sehr detailreichen und textlich enorm komplexen Stücken wie vielleicht niemals zuvor in Theorien zum Leben, sperrigen Gedankenbrettern und auch mal in albernen, fast kindlichen Parolen.

Für Popmusik - und davon reden wir hier ja immer noch - sind Texte wie "Ich bin ein Neutrum / Mit Bedeutung / Monstrosität mit Recht / Ich beginne / Mit meiner Häutung / In ein anderes Geschlecht" (aus "Neutrum") natürlich starker Tobak. Doch Tocotronic haben auch eine Idee, wie man ein Album über Körper- , Geschlechts- und Rollenbilder trotzdem sexy halten kann. Im Gegensatz zu den letzten drei Werken, die roh und gitarrenlastig vom Produzenten Moses Schneider fast live im Studio eingespielt wurden, hat man sich diesmal für eine Abkehr vom alten Konzept entschieden. Im Mittelpunkt der neuen Klangidee steht eine alte Telefunken-Tonbandmaschine von 1958. Ein edles Teil aus der Ära der Beach Boys oder Beatles, von denen es nur noch ganz wenige auf der Welt geben soll. Mit jenem Gerät also schuf man - wieder unter Moses Schneider - ein twangeliges, chorreiches und haushoch geschichtetes Popwerk.

Manchmal hat es den Eindruck, als klänge "Wie wir leben wollen" dünner, stumpfer und indirekter als zeitgemäße Pop-Produktionen. Dieser Umstand, so Tocotronic, soll jedoch durch die Wärme der Sounds ausgeglichen werden. Und etwa bei "Ich will für dich nüchtern bleiben" findet man auch hin und wieder zurück zum Power-Pop-Song mit Schrammelgitarre und Mitsing-Refrain. Für diesen wie viele weitere Songs (das leitmotivische "Im Keller", die euphorischen "Auf dem Pfad der Dämmerung" und "Vulgäre Verse") gilt ohnehin: Wenn Theorie so melodiös zupackend wie hier transportiert wird, quillt bald auch aus dem Dudelradio im Feierabendverkehr pure Philosophie.

Bis es so weit ist, darf man "Wie wir leben wollen", den zweiten leitmotivischen Song des Albums, mit den Worten zitieren: "Ich bin in meinem Körper / Auch nur ein Eindringling ... / Er ist nur eine Hülle / Die uns beide trennt / Er produziert in aller Stille / Was man Liebe nennt".

Tocotronic auf Deutschland-Tournee:

27.01., Berlin, Lido

28.01., Hamburg, Thalia Theater

01.02., Dortmund, FZW Visons Party

06.03., Bremen, Modernes

07.03., Düsseldorf, Zakk

08.03., Heidelberg, Halle 02

10.03., Freiburg, Haus der Jugend

12.03., Stuttgart, LKA

13.03., Offenbach, Capitol

14.03., Münster, Jovel Music Hall

15.03., Hamburg, Große Freiheit

03.04., Hannover, Capitol

04.04., Köln, E Werk

05.04., Würzburg, Posthalle

06.04., München, Tonhalle

11.04., Erlangen, E Werk

12.04., Leipzig, Haus Auensee

13.04., Dresden, Schlachthof

14.04., Berlin, Columbiahalle

Eric Leimann

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelWie wir leben wollen
Bandname/InterpretTocotronic
GenreRock/Pop
GenrePop/Rock
Erhältlich ab25.01.2013
LabelVertigo - UDR
VertriebUniversal
Laufzeit69:48
EAN Code0602537250066
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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